Willkommen bei Conzendo

Von: Saskia

Ich weiß nicht, ob meine Frage das Richtige für ein Onlinecoaching ist, aber ich würde mich freuen, wenn Sie mir einen Anstoß geben könnten. Bei mir dreht es sich um Beziehungen zu anderen Menschen. Die werden immer schwieriger. Komisch ist, dass mich die meisten Menschen gerne haben und trotzdem kriege ich Freundschaften nicht gut hin. Mir wird das schnell zu viel und ich klinke mich aus. Eigentlich funktioniert das bei mir am besten aus der Ferne. Ich bin gut im Kontakthalten, mailen, anrufen und ab und zu mal treffen. Der Horror ist für mich eine Einladung zu Partys. Ich ringe dann mit mir und kurz vorm Losgehen bleibe ich doch daheim und erfinde Ausreden. Ich weiß das enttäuscht meine Freunde, aber ich krieg es nicht anders hin.

Das Problem ist, dass ich damit nicht glücklich bin. Ich fühle mich oft unglaublich einsam. Ich verbringe viel Zeit allein, finde auch genügend Beschäftigung, aber glücklich macht mich das nicht. Ich habe auch schon lange keinen Partner, weil der Märchenprinz natürlich nicht von alleine an meine Tür klopft - woher soll er auch wissen, wo ich bin. Und wenn da mal einer auftaucht, finde ich ihn meistens als Mensch ganz toll, verliebe mich aber einfach nicht.

Ich weiß nicht, wie ich das ändern soll. Es wird immer extremer. Wenn ich so weiter mache, werde ich noch zum Höhlenmensch und irgendwann verlerne ich zu sprechen. Einsamkeit tut weh. Aber wie komme ich da raus? Ich weiß ja, was man tun könnte, aber ich kriege es nicht hin (wie z.B. auf Partys gehen). Was stimmt nicht mit mir?

Jürgen Weist:

Liebe Saskia,

für Sie anbei ein paar Impulse zu Ihrer Anfrage. Ich lade Sie ein wahrzunehmen, was bei Ihnen Resonanz macht und das entsprechend in Ihrem Alltag zu nutzen. Ich schreibe Ihnen einfach, was in mir als Antwort so entsteht:

1. Zunächst glaube ich einmal, dass mit Ihnen alles stimmt, in Ordnung ist. Vermutlich viel mehr als Sie denken. Sie nehmen sehr sensitiv wahr, was ist und wie es Ihnen damit geht. Entfremdung oder Einsamkeit ist - meiner Ansicht nach - ein grundsätzlich menschliches Thema - gleich dazu mehr - und (so würde ich behaupten) auch ein aktuelles gesellschaftliches Thema. 1000 Freunde bei Facebook zu haben ... heißt erst einmal gar nichts. Beziehungs(un)fähigkeit ist ein überaus großes Thema unserer Zeit und es wächst ...

2. In größeren Zusammenhängen gedacht dürfen wir uns als Menschen mit dem Thema Einsamkeit existenziell auseinandersetzen. Es gibt sogar Leute, die behaupten, wenn wir auf die Welt kommen, dann ist Einsamkeit der Preis für unser individuelles Dasein. Also macht es Sinn (falls das für Sie so ist) zu akzeptieren. Einsamkeit - so gesehen - könnte der Preis für unsere Einzigartigkeit - für unser Leben - sein.

3. Einzigartigkeit ist aber auch gleichzeitig eine Tür oder Brücke. Der israelische Rabbi Marc Gafni hat es auf den Punkt gebracht: Wenn wir es schaffen, unser Seelenmuster (unser Wesen) mit anderen Menschen zu teilen, dann ensteht eine tiefe menschliche Nähe und eine Beziehung, die uns in solchen Momenten die Einsamkeit überwinden hilft - uns seelisch nährt. Ich bin nicht konfessionell unterwegs, aber in der Bibel findet sich der Satz: Es ist nicht gut, wenn der Mensch allein bleibt. In dem Film "Into the wild" kommt der jugendliche Held auf der Suche nach Liebe in seiner Todesstunde zur folgenden Weisheit: "Happiness only real when shared."

4. Partnerschaft: Finden Sie den Partner, der Sie in Ihrem tiefen Wesen akzeptiert und annimmt (das meint Punkt 3). Das ist umso anspruchsvoller, je einzigartiger Sie in Ihrem Wesen sind. Sie können eine solche Entwicklung unterstützen, in dem Sie sich in Ihrem Wesen lernen anzunehmen (Ihr Seelenmuster, Ihre Bestimmung zu akzeptieren) und hilfreich könnte es auch sein, den inneren Mann (Jung würde sagen Animus) anzunehmen. Würdigen Sie das Männliche (Ihre männlichen Qualitäten) in sich ... das klingt vielleicht abgefahren, ist aber ein äußerst pragmatischer Weg, um als Frau ein Attraktorfeld fürs Männliche aufzubauen. Sozusagen, den Prinz erst einmal in sich finden ... und lieben lernen.

Fazit: Bleiben Sie Ihrer Sensibilität, Ihrer Tiefe treu und gehen Sie vertrauensvoll Ihren Weg. Es scheint bei den anderen immer gut/besser zu laufen, aber wenn Sie mal hinter die Kulissen schauen, dann ... würden Sie vermutlich staunen. Die meisten von uns ringen mit dem schmerzhaften Gefühl der Einsamkeit, übertünchen es mit Action, Drogen, Ersatz aller Art ... schauen Sie sich um - die Angst vor der Leere ist groß.

Sie schreiben ja auch, die Menschen mögen Sie, es muss ja gleich nicht immer eine Party sein. Suchen Sie nach Menschen mit Tiefe, die Ihnen herzlich begegnen. Die Sie annehmen, wie Sie sind. Das ist vermutlich anspruchsvoll genug.

Oder /und ... schauen Sie sich um ... es gibt so viele einsame Menschen. Geben Sie jemanden die Nähe, das Gefühl, dass jemand für ihn da ist ... helfen Sie einem anderen und damit indirekt sich selbst. Nehmen Sie andere in deren Einzigartikeit an ... so gut es und solange es gerade geht. Wenn Sie das einige Zeit praktizieren (und das muss nicht immer jeden Tag einfach sein) ... dann dürfen Sie auf ein kleines Wunder hoffen. In diesem Sinne:

Auf Ihrem Weg alles Gute ...

Herzlichst

Jürgen Weist

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