Schwellenräume und Potenzialentwicklung

von Jürgen Weist

Der Ritualforscher Victor Turner spricht in seinen Forschungen von sogenannten Schwellenräumen. Damit meint er innere Zustände oder äußere Situationen des Übergangs, in der ein Mensch beginnt, in wirklich neuer Weise zu denken, zu empfinden und zu handeln.
Schwellenräume sind Übergangsräume, in denen etwas „Altes“ gehen kann und „Neues“ begonnen hat. Egal, ob es sich um berufliche Stationen handelt, es um Beziehungen oder sogar noch mehr geht. Es sind segensreichen Zeiten, besondere Lernräume, in denen wir unsicher sein dürfen, nichts mehr unter Kontrolle haben müssen, wo wir leer und damit empfänglich(er) für das in uns liegende Potenzial, unsere innere Stimme, unsere Berufung werden.

Es gibt Menschen, die sogar ständig versuchen möglichst nahe an solchen Räumen zu leben, das Mönchsleben, Einsiedler oder Aussteiger wären Beispiele dafür. Alte Traditionen haben auch versucht solche Räume auf Zeit zu gestalten. Beispiele wären: Wallfahrten oder Pilgerwege, Schweigegelübde, Fastenzeiten, Wüstentage oder die Passionszeit bzw. der Ramadan. Auch die Conzendo-Reiseseminare z.B. zielen auf diese potenzialentfaltende Atmosphäre.

Schwellenräume bieten in Übergangzeiten den (rituellen) Raum, in denen Neues aus uns heraus entstehen kann. Quasi eine Art Gegen- oder Antistruktur zum Alltag, in denen das Alte gehen und das Neue entstehen darf. Für das Neue scheint es ein „Etwas“ zu brauchen, das auf gewisse Zeit unsere normalen Muster und Trancen unterbricht. Einen Zeitraum, in dem wir aus dem normalen Ordnung und funktionalen Ansprüchen aussteigen. Oft ist in Beispielen (z.B. Buddha, Noah, Moses, Jesus) von vierzig Tagen die Rede.  

Aus der Sicht der normalen Alltagsanspannung sind solche Räume nicht immer beliebt. Sind sie doch meist geprägt von Nichtstun (z.B. allein in der Natur sein), Aushalten, Herausfallen aus üblichen Beziehungen und Rollen (z.B. in die Anonymität), ohne die übliche Ablenkung sind wir auf uns selbst geworfen. Oft ringen wir mit Potenzial, das ins Leben möchte, stellen alten Halt massiv in Frage und versuchen trotz allem unser Herz so offen wie möglich zu halten. Worte, die die Qualität im Schwellenraum am besten beschreiben, sind „Geburt“ oder „Auferstehung“. Etwas verändert sich und wir mit ihm.

Im Schwellenraum, so der Autor Richard Rohr, ziehen wir das Chaos des Unbewussten dem Kontrollsystem des Verstandes mit seinen Erklärungen und Antworten vor. Oder anders gesagt, wenn Sie Entwicklungsräume sicher vermeiden wollen, dann müssen Sie einfach immer noch ein wenig schneller, effizienter, erfolgreicher und noch ein bisschen zielorientierter leben. Klingelt da was in Ihnen?

Oder Sie begeben sich in „schwellenähnliche Räume“. Da geht es oft um Entertainment, Konsum, Party und lautes Getöse. Bestimmte Gruppenrituale, große Menschenmengen ersetzen Tiefe - Spektakel ersetzt Katharsis (emotionale Reinigung). Das Faszinierende daran ist, das Schwellenähnliche fühlt sich ziemlich „echt“ an, für Momente bewegt es uns intensiv, versetzt uns in einen ungewohnten Zustand und wir haben vorübergehend das Gefühl, wir hätten an etwas Größerem teilgehabt. Aber …charakteristisch ist, dass uns solche Veranstaltungen persönlich nichts wirklich abverlangen, außer unserer Anwesenheit, unserem Dabeisein. Weil nichts wirklich (mit uns) passiert … sind sie so angenehm …und beliebt.

Echte Schwellenräume dagegen fordern uns, verlangen unser seelisches und persönliches Engagement, rufen nach Veränderungen in Geist und Herz – und fördern damit auch zutiefst das in uns liegende Potenzial.

Enden möchte ich mit einem Hinweis Richard Rohrs, dass Schwellenräume letztlich eine intensive Sehnsucht nach Bewusstsein, nach Freiheit und wirklichem Gegenwärtigsein widerspiegeln. Er verweist in seinem Klassiker „Endlich Mann werden“ (Die Wiederentdeckung der Initiation) mit folgenden Worten auf das Ritual des jüdischen Sabbats: „Wenn nicht wenigstens ein Siebtel der Zeit dem Bewusstsein der bloßen Gegenwart, dem bloßen Menschsein gehört, werden die übrigen sechs Tage mit Tun angefüllt, das wenig Tiefe, Sinn oder wirklichen Zweck hat. Ohne uns täglich, wöchentlich, jährlich für Schwellenräume zu entscheiden, wird unser ganzes Leben irgendwann schwellenähnlich. Am Ende sitzen wir nur unsere Zeit ab“ (Zitatende).

Diesem Fazit ist nichts mehr hinzuzufügen. Wann entscheiden Sie sich für bzw. betreten Sie Ihre Schwellenräume? Sie sind die Luft zum Atmen Ihrer Seele – und Ihr Potenzial wird es Ihnen danken …