Sich selbst folgen

von Jürgen Weist

Im Nachklang unseres letzten Berufungsseminares habe ich den Teilnehmern ein Buch des amerikanischen Psychologen James Hillman empfohlen.

James Hillman (Begründer der sogenannten Schicksalspsychologie) beschreibt in seinem Buch "Charakter und Bestimmung" seine Hypothesen zu diesen Themen aus (für mich) meist archetypischer Sicht. Nach meinem Geschmack (ohne es genau zu wissen) müsste er ein Schüler C.G. Jungs gewesen sein.

Er beschreibt in diesem Buch die von ihm so bezeichnete „Eicheltheorie" (S. 62f.) wie folgt (Zitat Anfang): "... Sie vertritt die These, dass jedes Leben durch sein angeborenes Bild geformt wird, ein Bild, das die Essenz dieses Lebens ist und es zu seinem Schicksal ruft. In seiner Gestalt als Schicksalskraft wirkt dieses Bild als persönlicher Daimon, ein begleitender Führer, der sich an unsere Berufung erinnert."

(Anmerkung: Hillmann benutzt dabei die Mythen des römischen Genius, des griechischen Daimons oder christlichen Schutzengels fast synonym als Beschreibung einer seelischen Instanz, die uns auf unserem Weg begleitet und diesen auch anmahnt).

Weiter im Text: "... Die Mahnungen des Daimons treten auf vielerlei Art zutage. Der Daimon motiviert. Er beschützt. Er widersteht der sich anpassenden Vernunft und zwingt seinen Träger oft abweichendes Verhalten und Merkwürdigkeiten auf, vor allem, wenn er vernachlässigt wird oder man sich ihm entgegenstellt ... Er ist fähig, den Körper krank zu machen ... Der Daimon ist vorauswissend - vielleicht nicht in Bezug auf Details ... Sein Vorauswissen ist begrenzt auf den Sinn des Lebens, in dem er sich verkörpert hat.

Er hat viel zu tun mit Gefühlen der Einzigartigkeit, der Großartigkeit und mit der Ruhelosigkeit des Herzens, seiner Ungeduld, seiner Unzufriedenheit, seinen Sehnsüchten. Er braucht seinen Anteil an der Schönheit. Er will gesehen werden, bezeugt und anerkannt werden, vor allem von der Person, mit der er verbunden ist ..." (Zitat Ende).

Nicht alles, aber vieles von dem, was Hillman dort beschreibt, berührt mich auf eine merkwürdige Weise. Manchmal nicke ich wissend, ohne (kognitiv) zu verstehen.

Vielleicht geht es Ihnen beim Lesen des Textes ja ähnlich oder doch ganz anders.