Die Traumkultur der Senoi

 

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Im Blickpunkt: Die Traumkultur der Senoi

von Jürgen Weist

Die Senoi (übersetzt: die Menschen) sind ein Stamm von Ureinwohnern, die im Bergdschungel von Malaysia leben. Diese Menschen, die sich eine besondere Lebensform bewahrt haben, erregten mein Interesse, weil ich über die Aussage „stolperte“, dass es bei den Senoi so gut wie keine psychisch Kranken oder Gewalt geben soll … Schläge und alle anderen Formen körperlicher Bestrafung sind tabu. Es gibt keine starren Gesetze, Gefängnisse und keine Polizei. Weiterhin, so der Bericht, zeichnen sich die Senoi durch ein hohes Maß an psychischer Integration und ein reifes Gefühlsleben aus.

Keine Ahnung, inwieweit dies stimmt, aber mein Interesse war geweckt. Ich brachte in Erfahrung, dass die Senoi eine besondere Art Kultur im Umgang mit ihren Träumen haben. Sie beginnen z.B. den Tag damit, dass sie sich gegenseitig, unter Leitung eines Schamanen, ihre Träume erzählen, ja sogar miteinander verweben. Geschichten aus der wirklichen Welt – so nennen die Senoi ihre Träume. Bei den Senoi sind die Träume die wirkliche Welt und das, was wir die Tagesrealität nennen, nennen sie die Schattenwelt.

Die Senoi betonen, dass ein Mensch in seinen Träumen die Kraft hat, das in seiner Seele wahrzunehmen, was er sonst hinter Fassaden versteckt hält. Der Mensch kann sein tiefstes Selbst und seine größte kreative Kraft dann erleben, wenn seine seelische Dynamik vom unmittelbaren Kontakt mit der Umwelt befreit ist - also im Traum. Alle Gestalten werden als Teile des eigenen Selbst gesehen. Ein wichtiger Kernpunkt der Traumarbeit ist die Gestaltbarkeit der Träume. Oberstes Ziel der Traumarbeit ist es, „Herr des eigenen Traumreiches“ zu werden, d.h. Kontrolle und Zusammenarbeit mit allen Kräften und Gestalten erreichen zu können und somit Herr seiner Selbst zu sein.

Keine Ahnung, inwieweit das für Ihren Alltag interessant ist/ sein könnte …ich habe einmal die zentralen Bausteine der Traumarbeit zusammengefasst:

1.  Auseinandersetzung mit der Angst
Der Träumer muss sich allem, was in der Innenwelt auftaucht und Angst macht, stellen und sich damit auseinandersetzen. Ausweichen oder Weglaufen bedeutet für die Senoi, dieser Gefahr in immer neuen Gestalten wieder zu begegnen. Den „Traumfeind“ überwinden dagegen heißt, sich selbst zu überwinden und die Verknotungen von Angst und Aggression im eigenen Inneren aufzulösen. Möglichkeiten der Auseinandersetzung bestehen darin, freundliche Gestalten zu Hilfe zu rufen oder den Traumfeind anzugreifen, ihn zu besänftigen, ihn zu zähmen, zu überlisten oder mit ihm zu kämpfen und ihn notfalls zu töten. Denn mit dem Tod des Traumfeindes wird sein positiver Wesenskern freigesetzt und er verwandelt sich in eine hilfreiche Kraft. Begegnet der Träumer Kräften, die stärker sind als er selbst, z.B. dem Sog eines Strudels, so soll er sich dieser Kraft hingeben und ihr nachgehen, bis auf den Grund. Er weiß, dass er nie fremden bedrohlichen Kräften ausgeliefert ist, sondern immer nur seinen eigenen Energien.

2.  Positives Ende des Traumes
Negative Trauminhalte sollen (z.B. durch Tagträume) in positive umgewandelt werden. Tauchen erfreuliche, positive Inhalte auf, so versuchen die Senoi, sie zu steigern und noch intensiver erlebbar zu machen. Begegnet ein Senoi freundlichen Gestalten, so lautet die Empfehlung, intensiven Kontakt mit ihnen zu pflegen und sie eventuell sogar zum Traumbegleiter zu machen. Jeder Senoi hat mindestens einen Traumbegleiter, der ihm hilfreich zur Seite steht. Zärtlichkeiten oder sexuelle Begegnungen mit unterschiedlichen Traumgestalten werden vollkommen tabulos gefördert.
 
3.  Mitbringen eines Traumgeschenkes
Jeder Träumer wird aufgefordert, etwas Kreatives von seiner Traumreise mitzubringen und es mit der Gruppe zu teilen. Damit werden „Gaben“ im doppelten Sinne des Wortes angesprochen: Als Geschenk und als Begabung, die in jedem als kreative Stärke vorhanden ist. Besonders eindrucksvolle Schöpfungen werden von mehreren Gruppenmitgliedern eingeübt - ein Lied z.B. oder ein Tanz, oder sie werden auf handwerkliche Weise umgesetzt, in Form von Holzschnitzereien oder Gebrauchsgegenständen.

4.  Der Träumer findet seine eigene Lösung
Der Schamane hilft vor allem, den Kristallisationskern für den Tagtraum herauszuarbeiten. Er hält sich weitgehend zurück, da die individuelle Ausgestaltung des Tagtraumes für den Betroffenen das Wesentlichste ist.
Somit werden alle zwischenmenschlichen Schwierigkeiten in der Familie und in der Gruppe thematisiert und durchgearbeitet. Kinder lernen von frühester Jugend an, ihre tiefsten Empfindungen zu zeigen, zu teilen und mit den unterschiedlichsten Möglichkeiten der Konfliktbewältigung zu experimentieren. Jedes Krankheitssymptom wird von den Senoi auf diese Weise sofort bearbeitet und auch alle wichtigen Aktivitäten der Gruppe, wie z.B. Feste oder Umzug, der Bau neuer Hütten werden durch die Traumarbeit beeinflusst.

Die Traumkultur der Senoi ist insofern äußerst kreativ, indem jedes einzelne Gruppenmitglied lernt, sein eigenes Selbst zu gestalten und immer einen Teil davon als Geschenk in die ganze Gruppe einzubringen. Die Erinnerungen an den Traum mit in den Alltag zu tragen nennen die Senoi „dem Tag eine Farbe“ geben …
„Lebe deinen Traum“ - so verabschieden die Senoi im Dschungel einen Freund. Vielleicht laden diese Ideen Sie ja ein, mit Ihren Träumen einmal ganz anders umzugehen. Ich habe selbst gute Erfahrungen damit gemacht, kurz nach dem Aufwachen, meine Träume entsprechend weiter auszumalen …

Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen und ergänzenden Hinweise und ggf. auch Widersprüche. Schreiben mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht. Vielen Dank.
Ihr

Jürgen Weist