Habe ich Angst oder hat die Angst mich?

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Im Blickpunkt: Habe ich Angst oder hat die Angst mich?

von Jürgen Weist

Heute mal ein unangenehm gutes Thema, denn wer spricht schon gern über Angst? Ist ja vielleicht auch ein Thema, das latente Ängste schürt, oder? Warum ich das Thema so einladend finde? Weil ich davon überzeugt bin, dass die meisten Menschen mehr oder weniger angstgesteuert leben ... okay, Sie glauben das nicht? Gut, dann lesen Sie ruhig weiter.

Als Rahmen: Ich möchte nicht von besonderen Angstformen sprechen, von Phobien, Panikattacken usw. Auch nicht von der angemessenen Angst, die uns als Spezies so überlebensfähig gemacht hat und last but not least auch nicht von der Furcht, der Angst, wo wir genau wissen, vor wem oder was fürchten wir uns jetzt gerade ganz konkret.
Worüber möchte ich mich also auslassen? In Anlehnung an den letzten Newsletter möchte ich von der Angst berichten, die durch die ganz normale Entfremdung, also den Wechsel vom Urvertrauen zur Urangst entsteht. Die Angst, die so latent, so subtil im Hintergrund, so un- oder vorbewusst ihr (Un)Wesen treibt, die unser Erleben, unsere Wahrnehmung und unser Handeln so unbemerkt einfärbt (siehe dazu die heutige Coaching-Frage). Die Angst, deren Auswirkungen wir auch als Stress bezeichnen, weil uns für äußere Anforderungen der innere Halt fehlt. Vielleicht geht es mir nicht einmal um die Angst an sich, sondern unsere Beziehung (Bewertung) zu diesem speziellen Teil unseres Menschseins. Die meisten haben doch Angst vor der Angst, oder? Wie wäre es mit Respekt? Von einem liebevollen Umgang mit der Angst will ich gar nicht erst sprechen ...

Wie wirkt denn diese Angst, um die es mir heute geht?
Ihr Name ist vielleicht Alltagsangst. Sie lässt uns bei Entscheidungen meist das Sichere wählen, sie zeigt sich in Vermeidungen, im Verharren, im Steckenbleiben und Zurückhaltungen, sie zeigt sich dort, wo mir das Leben zu viel wird, wo ich Leben auf ein (für mich) erträgliches Maß reguliere, durch Verbote, Regeln und Tabus – ja sogar runter bis auf die körperliche Ebene, wo Menschen weniger atmen, um weniger zu spüren. Sie zeigt sich da, wo ich auf Distanz gehen muss, wo ich Widersprüche nur schwer ertrage, nach Verantwortlichen und Ursachen suche und gern Schuld zuweise, um ja die Not (und auch Verantwortung) anderen, den Umständen usw. zuzuschieben. Die Alltagsangst wirkt auch da, wo es um „immer mehr" geht: Geld, Leistung, Haben, Konsumieren usw., ja selbst (zu) viel Essen kann durchaus mit Abwehr von Angst zu tun haben. Wir sind auch da von Angst gesteuert, wo wir uns und anderen in Beziehungen nicht oder nicht wirklich wahrhaftig begegnen können, wo wir uns und andere übervorteilen ...

Ich könnte ihnen noch seitenweise Beispiele nennen, aber sicher fallen Ihnen selbst noch einige ein. Weiter im Thema: Ich möchte Ihnen nun aber jetzt ein paar Punkte nennen, anhand derer Sie selbst(ehrlich) einmal prüfen können, welche Rolle Angst in Ihrem Leben möglicherweise spielt. Es lohnt sich die folgenden Partitionen Ihres Lebens (wie bei einem Festplattencheck Ihres Computers) einmal zu durchleuchten:

  1. Wann, wo, was oder durch wen erlebe ich mich als gestresst? Wo habe ich körperliche Symptome?
  2. Wann und wo reguliere ich Lebendigkeit (auch antizipierend, vorwegnehmend) runter? Durch Ordnung, Struktur und Regeln – und auch durch „auf-Distanz-gehen"?
  3. Wie gut kann ich (offen) mit Widersprüchen, Gegensätzen und Ungewohntem (Fremdartigem) umgehen?
  4. Selbstwert: Bin ich/ meine Anwesenheit zutiefst wertvoll und gut? Welche Rolle spielen Anerkennung und Bestätigung in meinem Leben?
  5. Wie liebes- und beziehungsfähig bin ich? Kann ich mich für eine Sache, einen anderen Menschen begeistern? Wieviel ehrliche Zuwendung kann ich geben?

Zum heutigen Ausklang noch drei Hinweise:

  • Das Tolle (im Sinne von verrückt) ist, dass mein reflektiver Verstand die Angst an sich meist gar nicht klar erkennt bzw. benennt, sondern im Rahmen von Rationalisierungen eher zum willigen Gehilfen der Dynamik wird. Er (er)findet ach so vernünftige Begründungen für das angstgesteuerte Verhalten und erspart mir so zu erkennen, wie es wahrhaftig um mich steht. Der Autor Steven Pressfield nennt das: Die Rationalisierung erspart uns den Schmerz der Scham.
  • Die Mutter aller Ängste, so manche Angstforscher, sei nicht die Angst vor dem Tod, dem Nichtexistieren - die größte Angst ist die tatsächliche Verwirklichung unseres Urpotenzials, der eigenen Berufung, dem was Maslow als Selbstverwirklichung beschrieben hat. Ihr Selbst ist nämlich der Schmelztiegel Ihres Ichs. Die meisten, die nach mehr Selbstverwirklichung schreien, haben meist noch nicht ganz begriffen, dass sie um mehr sie selbst zu werden, nur ihr Ich ein wenig loslassen dürfen. Das ist doch etwas, was wir alle jeden Tag total gern tun, gell?

  • Zum Schluss ein wenig Balsam auf Ihre ängstliche Seele. Das meine ich wirklich ernst! Nicht umsonst ist die Formulierung: „Fürchte dich nicht" das am meisten verwendete Bibelzitat. Ich möchte Sie (auch durch diesen Newsletter) im Conzendo-Sinne einladen, Ihre Ängste kennenzulernen, sie sich bewusst(er) zu machen, sie nzuerkennen, zu spüren: Ja, ich habe (jeden Menge) Ängste..., lernen, sie als Teil Ihres Menschseins zu akzeptieren, ihnen einen guten Platz zuzuweisen, Ihre Ängste – irgendwann – vielleicht sogar als Hinweise auf Ihr Potenzial zu nutzen. Spätestens dann passt der Titel des heutigen Artikels: Dann haben Sie zwar immer noch Angst, aber die Angst hat nicht mehr Sie! Glauben Sie mir: Das ist wahrlich ein großer Fortschritt ...

Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen und ergänzenden Hinweise und ggf. auch Widersprüche. Schreiben mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht. Vielen Dank.

Ihr
Jürgen Weist