Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser …

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Im Blickpunkt: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser ...

von Jürgen Weist

Urvertrauen zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Jean Gebser sprach von dem Gefühl, in etwas aufgehoben zu sein, sich in Ordnung zu fühlen und vom Einklang mit sich selbst, seinem Leben usw. Die Neurobiologie und Entwicklungspsychologie sprechen von einem Grundgefühl optimistischer Zuversicht oder der Grundhaltung emotionaler Sicherheit.

Über das Lernen einer Geborgenheit in unseren Grundbindungen hinaus finde ich übrigens die Idee (der Autorin Monika Renz) ansprechend, dass wir alle – sozusagen vorgeburtlich - im Mutterleib als erste Erfahrung das Grundgute (also Urvertrauen) erfahren. Später kann es dann passieren, dass durch Geburtsstress oder danach durch Lieblosigkeit, Vernachlässigung usw. diese zutiefst gute Grunderfahrung verschüttet oder überlagert wird.

einhorn kleinWarum ist das Urvertrauen so wichtig?
Das Urvertrauen ist der Grundpfeiler des Vertrauens zu uns selbst, anderen und der Welt und somit die Basis für Beziehungen aller Art - also letztlich unsere Grundlage für ein erfülltes Leben. Weitere Stichpunkte für Auswirkungen sind beispielsweise: Weitestgehende Angst- und Furchtlosigkeit, unerschütterliche Ruhe, Dankbar sein können, die Erfahrung von Sinn, eine hohe Resilienz, sprühende Vitalität, eine tatsächliche Liebes- und Bindungsfähigkeit und eine tiefe existentielle Zufriedenheit.

Jetzt kommt das Aber: Wie schon im letzten Newsletter beschrieben, verlieren die meisten Menschen den Zugang zum Urvertrauen irgendwann auf dem Entwicklungsweg mit den entsprechenden Folgen. Daraus stellt sich für mich als Coach und Ausbilder die Frage: Geht es unwiderruflich verloren oder kann man das Urvertrauen wieder zurückgewinnen und wenn ja, wie?

Sie werden meine Antwort ahnen, oder? Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Rückkehr ins Urvertrauen, ein Abbau des Überlagernden, ein Wiederfinden des Verschütteten oder wie auch immer man diesen Prozess beschreibt, möglich ist! Meine Lieblingsmetapher dazu ist die christliche Metapher von der Heimkehr des verlorenen Sohnes (gilt übrigens auch für Töchter!). Auslöser oder Anlass der Rückkehr sind meist gehäufte Alltagsprobleme und oft ist ein erster Schritt die Übernahme eigener Verantwortung. Abstrakt gesagt: Einschränkende Muster werden aufgedeckt, alte Defizite abgebaut und Verstrickungen gelöst. Manches geht allein, für anderes hole ich mir die notwendige Hilfe.

Wo und wie kann dies geschehen?
So wie das Urvertrauen in Interaktionen verloren geht, so kann es in Interaktionen mit anderen zurückgewonnen oder wieder aufgebaut werden. Positive (vertrauens)stärkende Erfahrungen sind die Essenz! Das kann eine Liebesbeziehung sein, eine tragende Gemeinschaft oder auch z.B. ein längeres therapeutisch ausgerichtetes Training. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass z.B. unsere Coachingausbildung auch in dieser Hinsicht ein wertvoller Entwicklungsraum sein kann...

Was vielleicht noch für unterstützende Beziehungen als Warnung nachzutragen wäre, ist ein Zitat von Antoine de St.-Exupéry: „Den allein rette ich, der liebt, was ist und den man sättigen kann."

Was sind unserer Erfahrung nach konstruktive „Baustellen" auf dem Weg zurück in den Schoß des Urvertrauens:

  • Das Lösen tiefer körperlicher oder seelischer Anspannungen
  • Das Üben von Gewahrsamkeit, dem Innehaltenkönnen und Durchlässigkeit (dies ist beileibe kein Widerspruch)
  • Das Wieder(er)lernen im Ausdruck von Sein und Fühlen (Selbstregulation)
  • Das schrittweise öffnende Zulassen bislang verdrängter Seelenanteile (wie Wut, Schmerz, Trauer usw.)
  • Das Finden und ggf. verändern von dem, was mir persönlich Halt spendet (Selbststützung)
  • Der Kontakt zu meiner inneren Wahrheit und meinen persönlichen (Kern)Werten (Selbstkonzeptualisierung)
  • Das bejahende Freilegen meiner besonderen Eigenarten (wie z.B. Intuition, Kreativität und Humor)
  • Manchmal sogar das „Berührt-werden" durch eine größere Wirklichkeit (Seele, Daimon, Genius)

um nur ein paar Punkte zu benennen ... alles umgesetzt in eine möglichst einfache Kultur täglicher Übung. Platt und zusammenfassend gesagt, ist eine Annährung an sich selbst ... der Weg – statt von sich weg.
Aber vielleicht (mit einem Augenzwinkern gemeint) ist Vertrauen ja nur eine besondere Beziehungsqualität ...

Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen und ergänzenden Hinweise und ggf. auch Widersprüche. Schreiben mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht. Vielen Dank.

Ihr
Jürgen Weist