Widerstand …“sein für und wider“

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Im Blickpunkt: Widerstand ..."sein für und wider"

von Jürgen Weist

Alle, die im weitesten Sinne im Veränderungsgeschäft tätig sind, kennen ihn als Phänomen... „Widerstand" nennen sie ihn. Meistens wird er als negativ erlebt, was ihm aber letztlich nicht gerecht wird. Als Vorbemerkung: Er begleitet alle Menschen ... die Frage ist nicht ob, sondern eher wie?

Was ist nun eigentlich Widerstand?

Ganz neutral beschrieben ist er eine Art hemmende Kraft in der Physik, Gesellschaft und der psychischen Organisation des Menschen. Als Wortbedeutung ist es eine Mischung aus: wider (mehr auseinander, weiter weg) und stant (Stehen, Ort des Stehens). Wo wir schon bei Sprache sind ... hier ein paar Begriffe zum Thema:
Gehorsamsverweigerung, Ungehorsam, Auflehnung, Gegenbewegung, Gegenwehr, Abwehr, Eigensinn, Sturheit, Trotz, widerstreben, sich verteidigen, sich wehren, Opposition, Widerspenstigkeit, Defensive, Resistenz, Renitenz, Gegendruck, Gegenkraft, Behinderung, sich widersetzten, sich entgegenstellen u.v.a.m.

perspektivenwechselDas Phänomen Widerstand kann man als Abwehrreaktion auf der geistigen, physischen, soziokulturellen und psychischen Ebene beobachten. Geistig wäre das die Trotzmacht (Wort von Viktor Frankl): Die Willensfreiheit unsere Einstellung zu den Umgebungsbedingungen frei wählen zu können. Ich kann mir nicht immer aussuchen, was mich umgibt, aber wie ich mich dazu verhalte, da habe ich meist (Wahl)Möglichkeiten. Körperlich gibt es jede Menge Widerstände, die Schwerkraft, die ich mit Muskelkraft überwinden muss, mein Immunsystem, die Haut usw. Gesellschaftlich spielt Widerstand insbesondere eine Rolle in der Geschichte, Politik und Religion – oft als Regulativ im Spannungsverhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten. Psychologisch kann man Widerstand – je nach Sichtweise – als Abwehrhaltung, situative Bewältigungsstrategie (Reaktanz) oder im Leben entwickelte Fähigkeit (Resilienz) betrachten.

Was meiner Meinung nach nicht unerwähnt bleiben darf: Widerstand als Phänomen kann man auch als eine Art psychisches Immun- oder Schutzsystem verstehen. Er regelt den Dialog mit der den Menschen umgebenden Außenwelt und auch seiner inneren Welt und hat damit fürs Ich eine stützende Wirkung. Diese sich ergänzende Wechselwirkung zwischen „sich öffnen können" und sich „verschließen können" reduziert z.B. eingehende Information auf ein für das Ich-Bewusstsein erträgliches Maß ... und dieses dialogische Prinzip ermöglicht uns, trotz äußerer Anforderungen und innerer Bedingungen mit uns (zumindest immer mal wieder) in Einklang zu sein.

Philosophisch fand ich bemerkenswert, dass Widerstand auf der materiellen (körperlichen) Ebene als ein grundlegender Schutz der Lebensform verstanden werden kann. Existenzstreben (leben wollen) als menschliche Grundmotivation kann man verstehen, als Widerstand des Lebendigen gegen das Nicht-Leben. Dasein wehrt sich gegen Nichtsein ... auch noch im Widerspruch zwischen Selbsterhaltung und Anpassung. So verstanden, wäre Leben ein immerwährendes (Au)Ja zur Unvollkommenheit meiner Existenz ...

Den heutigen Einführungstext möchte ich mit einem fragenden Hinweis abschließen: Was glauben Sie? Könnten wir uns überhaupt für etwas oder jemanden öffnen, wenn wir nicht auch die Möglichkeit hätten, zu widerstehen oder uns zu verschließen? Wäre Öffnung – ohne Kontrolle - nicht möglicherweise nur ein komplettes Ausgeliefertsein? Wie sehen Sie das?

Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Anmerkungen, Fragen und ggf. auch Widersprüche. Schreiben mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht. Vielen Dank. Ach ja: Im Denkanstoß erfahren Sie etwas zum Thema fixierter Widerstand oder anders gesagt: Widerstand in seiner sub-optimalen Form ...

Ihr
Jürgen Weist