Wo das Wollen nicht (hin)reicht …

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Im Blickpunkt: Wo das Wollen nicht (hin)reicht ...

von Jürgen Weist

Ich möchte mich heute an einem außergewöhnlichen Thema versuchen. In Coachings, Seminaren usw. erlebe ich immer wieder, dass Menschen die Frage stellen: “Wie macht man das“? Wie bekomme ich das hin? So menschlich nachvollziehbar die Frage auch ist ...

...es scheint (dahinter) die tiefe Überzeugung zu geben, wenn ich das Rezept, die Schritte, die Bestandteile usw. kenne, dann, ja dann bekomme ich das auch hin. Davon lebt ja auch eine ganze Industrie (Berater, Buchautoren usw.).

Was bei einfachen Vorgängen, wie dem Öffnen einer Tür noch funktioniert ... Klinke herunterdrücken, Tür öffnen, durchgehen, Tür schließen, Klinke wieder loslassen ... bei Kochrezepten wird es schon schwieriger. Kochen Sie mal das Rezept eines Sternekoches nach und wir schauen mal, ob die Qualität wirklich eine ähnliche ist? Aber spätestens bei komplexen Qualitäten, wie Glück, Zufriedenheit, Gesundheit usw. versagen „Wie-Antworten“ regelmäßig. Wir schaffen es gewollt gerade noch, die Tendenz zu etwas zu erhöhen, indem wir bestimmte erprobte Formen (z.B. das Lieblingsessen genießen) nutzen, aber mehr auch nicht. Oder können Sie per Entscheidung garantiert glücklich sein? Von jetzt auf gleich? Bei mir funktioniert das nicht ... ;-).

Zurück zu meiner Frage: Warum sind Menschen so süchtig nach Konzepten, Rezepten und Antworten auf der Wie-Ebene? Ich könnte aus dem Stand locker mehrere inhaltliche Antworten formulieren und gleichzeitig scheint es auf einer übergeordneten Ebene dahinter einen zentralen Grund zu geben. Es ist die Quelle hinter der Frage. Das Bewusstsein dahinter. Die Autorin Monika Renz nennt es das Sorgenvolle Ich, das Not-Ich. Es ist die Art von Bewusstsein, die mit Wissen über die Anordnung von Bestandteilen nachhaltige Kontrolle über stabil wiederholbare Wirkung erhalten möchte. Wie ich schon sagte, das ist nicht falsch, aber eben nur auf relativ einfache Lebensvorgänge begrenzt. Das Problem ist oft, dass Menschen, weil sie nichts anderes kennen, glücklich sein wollen, geliebt werden wollen, vertrauen wollen. Achten Sie an der Stelle mal darauf, wie Menschen das ausdrücken und welche Worte benutzt werden. Geht das per Wollen? Nach meinen Erfahrungen nicht. Wenn man nicht aufpasst, geht der Schuss sogar noch kräftig nach hinten los. Das meint: Wenn man so richtig intensiv vertrauen möchte und merkt, das geht nicht so einfach, dann kann es vielleicht sogar dazu führen, dass man beispielsweise noch unsicherer wird. Ich habe mich vor Kurzem sagen hören: „Wollen hat oft eine paradoxe Wirkung“ (man verringert indirekt das, was man möchte).
Zwischenfazit: Manche Dinge erreicht das Wollen nicht oder es entfernt uns möglicherweise sogar weiter von ihnen, während wir uns einbilden, mit großen Schritten auf das Gewünschte zuzueilen.

Sie merken, wo ich mit Ihnen hinmöchte, oder?
Rumi, der islamische Poet, hat mal gesagt: „Es gibt einen Raum, jenseits von richtig und falsch. Hast Du Lust mich dort zu besuchen“? Umgemünzt auf meinen Text: Es gibt einen Raum, den kann das Wollen oder den kann man gewollt nicht betreten. Da darf man quasi sein Wollen vorübergehend am Eingang abgeben, dann gern später wieder in Empfang nehmen. Wie den Mantel im Theater. Mit der Eintrittskarte “Wollen“ kommt man einfach nicht rein. Es ist, als würde man gewollt nicht durch die Tür passen. Um in dieser Vorstellung weiter zu schwelgen: In diesem Raum (eben einem anderen Bewusstsein) ist der Zugang zu bestimmten Qualitäten sehr viel leichter. Ich meine damit Aspekte wie Ruhe, Zufriedenheit, Glück, Inspiration u.v.a.m.

Wehe, Sie fragen mich jetzt: Wie kommt man da rein? Wie macht man das?
Erstens kennen Sie diesen Raum schon; jeder von uns war schon mal drin und zweitens gebe ich Ihnen dazu allerhöchstens meine persönliche Nichtantwort. Wenn Sie die Angestrengtheit und Härte Ihres Wollens verringern, welcher Zustand stellt sich dann auf ganz natürliche Weise ein? Mein sorgenvolles Ich ist dann meist sehr entspannt.
Ach so, was mir zum Ende noch in den Sinn kommt: Manche meinen, Sie seien (ohne Wollen) nicht mehr so richtig funktions- und leistungsfähig. Ich bin nicht sicher, ob das tatsächlich so ist? Und ich empfehle dringend: Solche Ideen unbedingt auf Ihren tatsächlichen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen!

Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen und ergänzenden Hinweise und ggf. auch Widersprüche. Schreiben Sie mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht. Vielen Dank.

Ihr
Jürgen Weist