Das „Schmerzspiel“

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Im Blickpunkt: Das „Schmerzspiel“

von Jürgen Weist

Erleben Sie so etwas auch? Unerwartet und fast „aus dem Nichts heraus“ reagiert jemand völlig „über“, überflutet Sie mit destruktiver Kritik, verfällt in massive Abwertung oder ähnliches. Unsere Alltagssprache nennt das: Da rastet jemand aus, verliert die Fassung, wird gemein oder kann einfach nicht an sich halten ...

Das ist es, was ich das „Schmerzspiel“ nenne.
Ist man das Gegenüber in einer solchen Situation, so ist es nicht immer einfach bei sich und gelassen zu bleiben. Ratzfatz ist man selbst überfordert, hilflos und wehrt ab oder meint zurückschlagen zu müssen. Passiert das, so ist das Eigentliche schon gelaufen ...
Haben Sie sich, jenseits der Oberfläche, je gefragt, was passiert da eigentlich und wie könnte man damit angemessen umgehen? Oder erleben Sie sich dann als Opfer der Situation, schlucken das rationalisierend runter oder erliegen Sie der Verführung anheim Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Egal in welcher Position, viele Menschen erzählen mir, dass sie sich danach nicht wirklich gut fühlen.
Also ... was passiert da eigentlich?
Egal, wo ich beginne, im Prinzip ist es eine Art Entlastungsversuch, der Transport von Schmerz mit meist destruktiven Auswirkungen. Meist beginnt es mit (unbewussten) Spannungen bis hin zu einem Schmerz. Das drängt dann nach Entladung oder Entlastung. Diese Spannungen überwinden jede Selbstregulation und für den Moment fühlt man sich sogar im Recht, in Ordnung, ja es geht sogar so weit, dass man, wenn die Dämme so richtig brechen, Lust daran verspüren kann, einem anderen weh zu tun. Danach redet man sich zu gern ein, dass wäre ja angemessen gewesen, weil ... dann folgt eine wie auch immer geartete Begründung (um sich Scham usw. zu ersparen). Oft liegt der Ursprung in einer persönlichen Bedürftigkeit, man ist bereits vorher aus der Balance gekippt oder anders formuliert: Man ist schon vorher „schräg drauf“.

dominoeffektSchaut man nüchtern auf den Gesamtzusammenhang, dann ist es so, dass der Versuch, den (emotionalen) Schmerz auf andere zu übertragen, ein Versuch ist, selbst wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Das funktioniert aber nicht wirklich, weil sich danach meist sogar zwei Menschen schlecht fühlen. Das Ganze scheint ansteckend zu sein, der Schmerz wird weitergetragen und sogar vervielfältigt... mit der Tendenz, dass das „Schmerzspiel“ (als sogenanntes niederes Drama) wächst und wächst und immer mehr Menschen erfasst. Als Nebeneffekte werden (meist unbemerkt) auch Themen wie Ablehnung, Abwertung, Selbsthass und Angst intensiviert – der Mangel hält triumphierend Einzug.

Ich würde behaupten, jeder von uns kennt das irgendwie, oder? Das Spiel gilt für einzelne Menschen und wenn Sie sich aktuell umschauen, betrifft diese Dynamik auch Gruppen und andere größere Systeme (z.B. das aktuelle Phänomen des Brexits). Gemeinsam (destruktiv) gegen etwas zu sein ist so viel leichter, als komplexe Probleme konstruktiv anzugehen. Die Scherben zusammenfegend meinen wir dann, er oder sie war(en) nicht bei allen guten Geistern ... was irgendwie auch stimmt.
Im Denkanstoß versuche ich zu beschreiben, wie man damit angemessener umgehen kann und in der heutigen
Selbst-Coaching-Frage erfahren Sie, wie Sie solche alltäglichen Konflikte hervorragend für die eigene Entwicklung nutzen können. Idealerweise nutzen Sie meinen Beschreibungsversuch, um für sich klar zu kriegen, wo unterliege ich selbst vielleicht solchen Tendenzen? Das könnte ein erster guter Schritt sein, das „Schmerzspiel“ nicht mehr zu spielen ... (oder für Profis formuliert: Bewusstmachung als Voraussetzung für De-Identifikation, weil nur das verändert werden kann, was nicht als „ich-synton“ erlebt wird).

Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen und ergänzenden Hinweise und ggf. auch Widersprüche. Schreiben Sie mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht.

Ihr
Jürgen Weist