Was könnte es bedeuten, dieses „Das will ich nicht“?

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Im Blickpunkt: Was könnte es bedeuten, dieses „Das will ich nicht“?

von Jürgen Weist

Eine meine Lieblingsautorinnen, Monika Renz, beschreibt in vielen ihrer Bücher so etwas wie das Gefühl von Getrenntheit (Seperation). Das ist ausgesprochen normal und lapidar gesagt, der Preis für die Ich-Werdung. Anders gesagt: Jedes Ich-Bewusstsein (und wer hat nicht ein solches) ist „getrenntheitsfinanziert“.

So weit, so normal, so gut … hätte das eben nicht auch noch interessante Folgewirkungen. Monika Renz beschreibt dererlei fünf Hauptaspekte:

  1. Eine wachsende Beziehungsunfähigkeit (andere stressen uns, besonders an den Stellen, die wir an uns nicht mögen)
  2. Eine Art unterschwelligen Autismus (nur was reizvoll für mich ist, nehme ich bewusst wahr)
  3. Narzissmus (ich nehme alles persönlich, ich bin der Dreh- und Angelpunkt der Welt)
  4. Gefühlsarmut (auch Alexithymie genannt, immer mehr verlieren den Kontakt zu ihrer Gefühlswelt)
  5. Und ich komme zum heutigen Punkt: Eine subtile Lebensverweigerung (das will ich nicht, das ist mir zu viel, dazu habe ich keine Lust usw.)

Was zum Himmel meine ich mit Lebensverweigerung?
Verweigerung klingt doch ziemlich harsch, oder? Okay, manchmal ist sie das auch, aber ich meine eher einen feinen Prozess. Ich fürchte Sie kennen es auch, das Gefühl, Sie sind in einer (neuen) Situation und das Geschehen nimmt einen bestimmten Verlauf. Jetzt könnte man dem natürlichen Fluss der Dinge entspannt folgen, aber das geht nicht oder nur schwer. Denn man fängt an, den Verlauf zu kontrollieren, weicht aus oder vermeidet Sachen und findet dann innerlich (nachträglich) gute Gründe, um das Entstandene (für sich und andere) zu rechtfertigen.
Ein banales Beispiel:
haarspannungDieser Text ist in den USA entstanden und ich bin hier zum Friseur gegangen. Alles in allem kein Ding … Eine tolle Empfehlung einer Bekannten, Cody ein netter Kerl, ein wenig holperig mein Englisch … aber eigentlich alles super okay. Aber der Grad meiner Spannung erzählte etwas anderes … also ausatmen, mir bewusst machen, ich bin in besten Händen und kann anfangen, das Ganze zu genießen. Mich zu entspannen, hat mich alles in allem den halben Haarschnitt gekostet und mich andererseits zu diesem Text inspiriert.

Viel magischer finde ich die Stellen, wo ich in mir und auch bei anderen sowas wie die eingangs erwähnte Verweigerung
feststelle. Wo man sich gar nicht auf die Erfahrung einlässt, sondern vorher mental links oder rechts abbiegt. Klar, da spielen viele Aspekt eine Rolle. Vielleicht Angst, Mut, Vertrauen, gemachte Erfahrung oder was weiß ich. Aber kaum jemand hat an diesen kleinen Stellen im Alltag das Gefühl von „jetzt sage ich gerade nicht Ja zum Leben in der Tendenz, in die es gerade laufen würde“. Und woran Sie das merken? Na ja, Sie tun etwas – aber eigentlich möchten Sie viel lieber etwas anderes.
Beispiel: Jemand lädt Sie zum Essen ein, Sie lehnen aus Unsicherheit ab, aber würden aber andererseits gern die Einladung annehmen. Diese Differenz fein wahrzunehmen, das wäre (für mich) schon Ausdruck persönlicher Reife. Ich kenne viele, die zumindest im Moment des Handelns fest davon überzeugt sind, das einzig richtige zu tun. Das etwas reuige Gefühl kommt meistens erst zeitversetzt …

Also um die Polaritätskurve zu bekommen: Natürlich geht es nicht darum, einfach in jeder Situation zu allem Ja zu sagen. Keine Frage, oder? Das wäre der gleiche Unsinn, nur anders herum. Mir ist daran gelegen, Sie feingefühlmäßig aufzurütteln … im Sinne von: Eine Situation, das Leben öffnet mir eine Tür, eine Möglichkeit und ich bräuchte nur zuzugreifen. Innerlich dem sich anbahnenden natürlichen Verlauf zuzustimmen und alles bliebe (theoretisch) entspannt und wäre gut …
Interessanterweise fällt es manchen Menschen besonders bei angenehmen Dingen nicht so leicht, z.B. geliebt zu werden, Nähe, Anerkennung und (emotionale) Intimität sind Sachen, die bevorzugt verweigert werden.

Wie erleben Sie das in Ihrem Alltag? Bei anderen?
Wenn Sie Lust haben, so schreiben Sie mir gern, was Ihnen zu dem Thema so durch den Sinn geht, welche Erfahrungen Sie gesammelt haben und welche Tipps aus Ihrem Erleben entstanden sind. Auch Fragen sind mir sehr willkommen …

Herzlichst
Ihr
Jürgen Weist