Was ist Identität?

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Im Blickpunkt: Was ist Identität?

von Jürgen Weist

So richtig … so ganz genau kann einem das niemand auf den Punkt sagen. Vielleicht weil es ein Abstraktum ist, kein wirkliches Ding, ein Prozess oder Vorgang, den die meisten von uns erleben, ohne ihn je wirklich fassen zu können. Wikipedia meint dazu: Identität ist die Gesamtheit der Eigentümlichkeiten, die eine Entität, einen Gegenstand oder ein Objekt kennzeichnen und als Individuum von anderen unterscheiden. In ähnlichem Sinn wird der Begriff auch zur Charakterisierung von Personen verwendet. Alles klar?

identitaetVielleicht kann man Identität auch (ein wenig vereinfacht) als Selbstbild verstehen, als eine Art Selbsterfahrungsbeschreibung, oder wie eingangs erwähnt, als Klassifizierung der Person, für die ich mich oder andere halten. Zugehörigkeiten, Rollen, Aufgaben, Werte, Erfahrungen und vieles andere mehr prägen dieses Bild. Im Hinblick auf persönliche Identität möchte ich heute auf drei Sichtweisen eingehen, die einerseits vielleicht ungewöhnlich sind, aber andererseits einen großen Teil unserer Erfahrungen mit dem Thema widerspiegeln.

  1. Identität als Feedbackschleife in Beziehungen
    Dieser Blickwinkel ist eher eine soziale Betrachtung. Die Grundidee hier: In dieser Perspektive auf Identitätsbildung spielt eine Rolle, wie sich andere (mit welchen Prozessqualitäten) auf uns beziehen und wir uns auf sie. So gesehen, bringen die Wechselwirkungen innerhalb von Beziehungen jemanden quasi hervor, in dem die Art und Weise der Beziehungen manche Aspekte der jeweiligen Persönlichkeit hervortreten lassen und andere nicht. (Metapher: Wie in einem Relief. Manches wir hervorgehoben, anderes nach unten gedrückt).
    Essenz hier: Erfahrungen innerhalb von Beziehungen schaffen nicht nur Überzeugungen, sondern auch Identität. So gesehen wäre Veränderung (auch) eine Frage der angemessenen Kontexte und passenden Beziehungen.
  2. Identität als Geschichte, die man sich über sich selbst erzählt
    Existieren heißt, sich und den Prozess des eigenen Lebens aufrechtzuerhalten. Wie alle Lebewesen braucht es dazu eine funktionierende „Strukturkopplung“ mit der Umwelt. Alle Informationen dafür sind (über)lebensnotwendig. Geschichten in dem Zusammenhang sind abstrahierte Erzählungen über Erlebtes. Der Autor Yuval Noah Harari (Eine kurze Geschichte der Menschheit) spricht wie andere (z.B. Campbell) darüber, dass u.a. die Fähigkeit, „Geschichten“ (und damit Informationen) weiter zu erzählen, unsere Spezies zu dem gemacht hat, was wir sind.
    Ein Teil von Identitätsbildung ist so gesehen quasi eine Mischung aus Erleben (eigenem/ anderer) und der Bedeutung, die wir (u.a.) dem Erlebten geben. So entsteht (über Erwartungen sich selbst bestätigend) eine Story über sich selbst, die sogar rückbezüglichen Charakter entfaltet (so b i n ich halt, (un)musikalisch, das kann ich, das eher nicht …usw.). Essenz hier: Achten und pflegen Sie sorgsam „Ihre Geschichte“, z.B. welche Worte und Beschreibungen Sie nutzen. So gesehen, sind wir Werkzeug und Werkstück zugleich. Oder eine Geschichte, die sich sich selbst erzählt und zugleich durch und in sich lebt. Erzähler, Geschichte und Inhalt zugleich.
  3. Identität als Ich-Ideal (Idem facere)
    Wem eifere ich nach? Wem neige ich mich zu? „Idem facere“ (als Wortquelle für den Begriff Identität) bedeutet so viel wie: mit wem ich mich gleichmache/ gleichsetze. Oder anders: Nachahmung als Lernstrategie. Die unbewusste Identifikation/ Anpassung mit/ an Rollenmodelle (Erziehung, Prägung) wie Eltern, Peergroups, gesellschaftliche Gruppen usw. Auswahl und Intensität der Bezugspunkte bestimmen mit über das Weltbild und Erleben einer Person. Je mehr ich eine gute Tochter sein will, desto mehr achte ich auf die Erwartungen meiner Eltern. Je mehr ich zu St. Pauli stehe, desto mehr hängt meine Stimmung vom (Miss)Erfolg des Vereins ab usw.
    Essenz hier: Wähle bewusst und sorgfältig. Welche Vorbilder oder Bezugsgruppen wähle ich? Warum? Will ich „so“ werden? Oder andersherum: Wo finde ich Vorbilder für die Aspekte, die aus mir heraus werden möchten?

Gutes Gestalten …

Herzlichst
Ihr
Jürgen Weist