Das Wesen der Projektion …

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Im Blickpunkt: Das Wesen der Projektion …

von Jürgen Weist

Ich steige einmal mit einem aktuellen Beispiel ein. Laut Medienberichten gibt der derzeitige amerikanische Präsident an, dass, wenn er nicht erneut gewählt werde, dann sei eine Wahlmanipulation sehr wahrscheinlich. Gleichzeitig gibt es diverse Berichte darüber, dass dieselbe Person die Briefwahl an sich für betrügerisch halte und dass er gleichzeitig versucht, Einfluss auf Post und deren Geschäftsabläufe zu nehmen, um eine Briefwahl (in Corona-Zeiten?) möglichst zu verhindern oder was auch immer.

Eine für uns zentrale Achse des Themas Projektion wird u.a. in diesem Beispiel deutlich. Es gibt ein emotional schwieriges, ja heikles Thema, dessen Ursachen in äußeren (meist fremdbestimmten) Bedingungen gesucht wird. Man selbst ist (erlebt) quasi getrennt davon. Erlebt sich als Opfer oder Geworfener der Situation. Ohne Verantwortung und Einfluss. Und daraus wird ein Anspruch formuliert: Man gibt sich selbst die Erlaubnis dagegen vorzugehen oder beauftragt andere.
Im Beispiel: Man bleibt im Amt, riskiert weiteren Stress in der Gesellschaft und sucht nach Beweisen für die eigene Theorie oder Vorstellung. Man selbst ist ja richtig …“hat Recht“ … usw.

projektionUm allgemeiner oder umfassender zu werden: Im Konzept der Psychoanalyse ist die Projektion ein sogenannter Abwehrmechanismus. Es geht um ein Übertragen und Verlagern innerpsychischer Inhalte oder eines innerpsychischen Konfliktes durch die Abbildung eigener Emotionen, Affekte, Wünsche, Impulse und Eigenschaften, die im Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen stehen können, auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt. Die "Abwehr" besteht dabei darin, dass durch Projektion vermieden wird, sich mit Inhalten bei sich selbst auseinanderzusetzen, die man beim anderen sieht (soweit Wikipedia).

Besonders Carl Gustav Jung (ein Schüler Freuds) beschrieb die Projektion wie folgt: Sie ist ein Zuschreiben von in der eigenen Psyche vorhandenen, unter Umständen archetypischen Inhalten an andere Personen oder auf materielle Objekte: „Projektion bedeutet die Hinausverlagerung eines subjektiven Vorganges in ein Objekt; ... indem ein subjektiver Inhalt dem Subjekt entfremdet und gewissermaßen dem Objekt einverleibt wird“. Gegenstand der Projektion seien sowohl „peinliche, inkompatible Inhalte, deren sich das Subjekt entledigt, wie auch positive Werte, die dem Subjekt aus irgendwelchen Gründen, zum Beispiel infolge Selbstunterschätzung, unzugänglich sind.“

Zugleich sah Jung die Projektion als den allgemeinen Vorgang an, das Eigene im anderen zu sehen. Und er sah in der Projektion einen natürlichen und immer unbewussten Vorgang; sie „ist aber erst dann als Projektion zu bezeichnen, wenn die Notwendigkeit der Auflösung der Identität mit dem Objekt eingetreten ist“, weil sie „Gegenstand der Kritik geworden ist, sei es der eigenen Kritik des Subjektes, sei es der Kritik eines anderen“. Dann sei eine Projektionsrücknahme für die soziale oder persönliche Entwicklung hilfreich.

Okay, das in eigene Worte übersetzt würde so viel bedeuten wie:

  1. Eine Deutung/ Emotion usw. wird nach außen auf jemanden oder eine Sache übertragen.
  2. Die Identität der eigenen Person wird um diesen Aspekt entledigt; der Aspekt „da draußen“ festgeschrieben.
  3. Es handelt sich (für einen selbst) um einen „schwierigen“ Aspekt.
  4. Projektion ist normal; wir erkennen uns in den anderen (z.B. beim Verlieben) – siehe auch Martin Buber.
  5. Schwierig kann es da werden, wo Projektionen die Quelle für Abwertungen, Distanzierung und Konflikte sind.

Als Fazit: Mit gefällt der Gedanke, dass wir Menschen alle projektive Tendenzen haben. Im Sinne der alten Frage: Die Frage ist nicht ob, sondern nur in welchem Umfang? Und inwieweit könnte bewusstes, kultiviertes Umgehen mit dem Thema mir helfen, im Alltag damit angemessen(er) umzugehen? Dazu im Verlauf des Newsletters noch einige Anregungen.

Herzlichst
Ihr
Jürgen Weist