Aikidō: Kommunikation aus dem Körper

von Dennis Fred Brodbeck


In diesem Aufsatz möchte ich, aus meiner inzwischen 15-jährigen Aikido-Praxis (vier Jahre als Trainer), meinen Erfahrungen als mit Kommunikation und Konflikten in Unternehmen befasster Psychologe und v.a. schlicht aus meinem eigenen Alltag heraus, wichtige Aspekte der Kommunikation und menschlichen Interaktion verdeutlichen. Aus meinem Verständnis sind die Grundlagen der Kommunikation und des menschlichen Miteinanders 100% körperlich. Diese Wurzeln werden in unserer immer "virtuelleren" Welt aber vernachlässigt. Es besteht zunehmend keine Vorstellung mehr davon, dass unser Leben sehr wesentlich materiell stattfindet.

So wenig, wie die Prinzipien "Weiblich" und "Männlich" von der Menschheit erfunden worden sind, ist dies auch bei der Kommunikation der Fall. Unser Geist, unsere Seele, unser Verstand und unsere Gefühle sind offenbar nicht anfassbar. Aber damit eine andere Person, ein anderes Wesen von diesen inneren Merkmalen auch etwas mitbekommen kann, müssen sich diese erst äußern. Dieses ist ein körperlicher Vorgang, es braucht eine Verbindung! Hierfür kommen (wenn man von Intuition o.ä. erst einmal absieht) nur unsere fünf Sinne in Betracht, die an materielle Vorgänge gebunden sind.

Im Zuge der Menschwerdung entstand die körperliche Grundlage der heutigen Sprache aktuellen Schätzungen zu Folge erst vor etwa 35.000 Jahren! Bewegt, gedeutet, berührt, geschubst, gestoßen, beschützt und gekuschelt haben wir Menschen aber schon viel früher. Die ersten Interaktionsformen der Lebewesen waren zweifelsohne nicht sprachlich: Die Entwicklung des Sprechens setzt ein funktionierendes soziales Netzwerk voraus. Eine intelligente, vorsprachliche Kommunikation über Berührung, Gesten, Mimik usw. war Voraussetzung, um sich über eine erste Definition von Begriffen einigen zu können.

Die körperliche Grundlage der Sprache zeigt sich auch in der Etymologie, der Sprachherkunftsforschung: Jeder Begriff hat eine "anfassbare" Herkunft, die erst später in der Abstraktion zur rein mentalen Verwendung führen konnte. (Beispiele: Be-Griff, Nieder-Lage, ver-stehen. Eine Beschäftigung mit der Herkunft der Begriffe ist interessant, da sie verborgene Bedeutungen aufzeigen und Zusammenhänge deutlich machen kann. Im folgenden Text werden manche Worte in dieser Hinsicht z.T. mit Bindestrichen hervorgehoben.)

Die bekannte, klassische Studie von Albert Mehrabian aus dem Jahr 1971 besagt, dass die Wirkung einer Person auf andere z.B. bei Präsentationen zu etwa 55% auf ihrer Körpersprache (Körperhaltung, Gestik, Augenkontakt), 38% auf ihrer Stimmlage und nur zu 7 Prozent auf dem in der Regel verbal vermittelten Inhalt ihrer Kommunikation beruht.

In unserer Zeit der Tele-Kommunikation über Emails und Handys, der Beschäftigung in Chatrooms, Computerspielen und virtuellen Scheinwelten geht das Bewusstsein über die körperliche Grundlage verloren. Aus meiner Sicht ist dieses aber unabdingbar, um in einer gelungenen zwischenmenschlichen Begegnung (hier steckt das Wort Gegner drin) ein Gefühl und ein Bewusstsein für den richtigen Abstand, für das aufeinander Be-zogen-sein (ziehen), für die richtige Intensität eines An-Griffs zu entwickeln, ohne den jede Interaktion zu einem Überfall, einem hilflosen Herumreißen bzw. -schubsen wird oder in einer Scheinbegegnung endet.

Aus meiner Ausbildungszeit in Gesprächstherapie nach Carl Rogers an der Universität, die zeitgleich mit meinen ersten Aikido-Erfahrungen stattfand, habe ich in Erinnerung, dass ich jedes Therapie-Gespräch als eine Kette kleiner, unwillkürlicher "Angriffe" empfand. Der Klient versuchte auf mich einzuwirken, ich auf ihn. Im günstigen Falle wurde daraus ein Miteinander. Viele Äußerungen der Klienten stellten aber eher einen Angriff auf mein "Gleichgewicht" dar. Denn jeder, der Therapie oder Beratung sucht, ist auch ambivalent: er will, dass ihm geholfen wird, ohne dass er wirklich mit seinem Thema in Tuchfühlung kommt oder sein Selbstbild angekratzt wird.

Ein Therapeut oder Coach, der aus dem Gleichgewicht gerät, hat weniger Reaktionsmöglichkeiten: Gut, wenn er wahrnimmt, dass er aus der Balance gerät, und erkennt, was ihn so berührt und auch unbeweglich gemacht hat. Damit versteht er sich selbst und v.a. den Klienten besser und bleibt im Prozess. Oft fängt er aber an, diesen "Angriff" zurückzuweisen, ihn dem Klienten aus Selbstschutz zurückzuwerfen, ihn "abzustoppen", zu kontern etc. Das Einfühlungsvermögen endet dann, der Profi fühlt sich bedroht, die Wertschätzung für den Klienten schwindet, eine gewisse Ab-Lehnung findet statt.

Idealerweise aber bleibt der Coach aufrecht, nimmt den "An-Griff" auf seine Balance an. Er beharrt nicht auf seinem Stand-Punkt, sondern bewegt sich mit der Energie. Er spitzt sie zu und bringt sie zur "Ent-Faltung": dann offenbart sich der Inhalt des Gesagten.

Seit dieser Zeit ist für mich Kommunikation eine Art "ganz-körperlicher" Vorgang, ein Miteinander-Be-Wegen, das immer alle Ebenen beinhaltet und für mich der In-Begriff gelungener Kommunikation ist. Seit ich Aikido-Trainer wurde, fließen diese Zusammenhänge in mein Aikido-Training ein. So ergeben sich Aussagen wie "Ein Angriff ist immer auch ein (Beziehungs)angebot" oder "Ein Angreifer verlangt und verdient Zu-Wendung!" Es kommt eben drauf an, welche Art von Zu-Wendung. Diese Sätze machen im Hinblick auf gute Kommunikation ebensoviel Sinn wie für eine gelungene Aikido-Bewegung.

Die Entfremdung der Kommunikation vom Körperlichen hinein ins rein Mentale und Virtuelle ist meines Erachtens in vielerlei Hinsicht eine Ursache für die noch zunehmende Steuerungslosigkeit und fehlende Boden-Ständigkeit unserer zwischenmenschlichen Kommunikation. Auch in den wirtschaftlichen Prozessen: Die vor ein paar Jahren geplatzte Blase der New Economy kann als ein Symptom für fehlenden gefühlten Bezug unserer Existenz auf das Materielle verstanden werden. Wert sollte aus dem Nichts entstehen, ganz virtuell.

Und auch im Straßenverkehr scheint mir heute das Raumempfinden und das Bewusstsein über unsere hohe physische Verwundbarkeit zu schwinden. So sah ich eben erst wieder einen Beinah-Unfall nach dem Motto "Ich fahre wo ich will – und was ich nicht sehe, das gibt es nicht". Die durchaus schmerzvolle Regel unserer materiellen Welt: "Wo ich bin, kannst Du nicht sein!" und umgekehrt wird nicht mehr wirklich wahrgenommen. Autos können eben nicht durcheinander hindurch fahren. Und dieses ist nicht nur Nachteil, sondern auch Chance: echte, lehrreiche Be-Gegnung scheint mir ohne Gegenpart gar nicht möglich (hier steckt das Wort Gegner drin).

Der besondere Vorteil, den Aikido (und manch andere Körperdisziplin) bietet, ist, dass es unmöglich ist, eine korrekte und funktionierende Bewegung nur vorzutäuschen. Der Raum für Selbst-Täuschungen ist natürlicherweise limitiert. Eine Aikido-Technik funktioniert praktisch nur mit einer richtigen inneren Haltung. Dieses ist im Bereich der eher körperlosen Kommunikation mit Worten nicht gegeben. Das "Ver-Sagen" an Aikido-Techniken bringt denn auch jeden Übenden (ob Fortgeschrittener oder Anfänger) immer wieder mit verdrängten, blockierenden persönlichen Anteilen spürbar und deutlich in Tuchfühlung.

Im Aikido erfährt man auch, dass es gut und notwendig ist, einen beherzten und kultivierten Umgang mit Macht zu erlernen, um die eigene Kraft in der Welt erst positiv einsetzen zu können. Und noch ein Faktor gehört unbedingt hinzu: Man kann lernen, konstruktiv, sogar freudig mit Niederlagen umzugehen! Ich spreche von der sogenannten Fallschule (Ukemi) im Aikido, die es dem Übenden nach einiger Zeit ermöglicht, nahezu mit jedem Fall und jeder Niederlage sofort und ohne Denkpausen umzugehen. Es handelt sich um den Umgang mit der anderen Seite der Macht: Ohnmacht will akzeptiert und gelebt werden. Wer das Leben kennenlernen will, muss etwas bewegen, muss "an-greifen" und wird Fehler machen. Wer scheitert erlebt eine Niederlage – und nimmt diese idealerweise an. Er fällt, lernt und steht wieder auf, ohne Kampf und Krampf.

Die hier skizzierten körperlichen Grundlagen lassen sich im Aikido auf der Trainings-Matte in einem sehr interessanten und ziemlich kommunikativen Trainingssystem erlernen. Die komplette Kunst zu erfahren dauert viele Jahre – es wird letzten Endes ein ganzes Leben dauern.

Doch ist dies gar nicht nötig, um grundlegende und sehr nützliche Einsichten zu gewinnen. Schon in kurzer Zeit, z.B. im Rahmen eines Workshops, lassen sich Grundprinzipien des Aikido körperlich erfahrbar machen. Z.B. wird körperlich erlebt (und auch wieder erinnert) werden, dass man stark sein und gewinnen kann, ohne zu zerstören. Und dass eine gegen die eigene Person gerichtete, zerstörerisch gemeinte Energie nicht bekämpft werden muss, um unverletzt und sicher zu bleiben. Dass es im Gegenteil möglich ist, diese zu kontrollieren und quasi zu "übernehmen" ohne deren Quelle zu schaden. So kann aus einem Szenario von Kampf und Vernichtung sogar eine Win-Win-Situation ent-stehen. Ein lehrreiches Echo wird nicht eliminiert, sondern angenommen und ver-standen.

In dem von Jürgen Weist und mir gemeinsam konzipierten Vortrag und dem darauf folgenden Workshop zum Thema "Siegen ohne zu kämpfen" werden wir solche Prinzipien, sowohl auf der körperlichen Ebene als auch in ihrer mentalen, geistig-seelischen Entsprechung, erfahrbar machen und gemeinsam die zugrundeliegende Landschaft erkunden. Ich würde mich sehr freuen, wenn es mir gelungen wäre, Sie hierfür zu begeistern.

Dr. Dennis Fred Brodbeck, Diplom-Psychologe