Körperorientiertes Lernen

Somatische Intelligenz oder vom Sinn leiborientierten Lernens

von Jürgen Weist

Bevor ich den Begriff Leib im Sinne Dürckheims oder Heisterkamps den als beseelten Körper benutze, möchte ich meine Abhandlung mit einer Grundüberlegung beginnen. Wo genau ist der optimale Ansatzpunkt für Lernen bzw. Weiterentwicklung? Diese Frage klingt vielleicht zunächst überaus banal.

Da der Körper letztlich nicht absolut der willentlichen Entscheidung unterliegt (im Sinne von: der Körper lügt nicht) ist m.E. der Entwicklungsstand, den wir verkörpern allemal realistischer als ein gedachter bzw. kognitiv angenommer. Beispiel: Auf der Aikidomatte zeigt meine automatische Reaktion in der Begegnung unmittelbar und absolut wahrhaftig meinen derzeitigen Entwicklungsstand (mein wirkliches Können) und mein Potenzial. Es zeigt sich deutlich, wessen ich leibhaftig bin oder nicht. Genau da mit meiner Entwicklung anzusetzen, finde ich überaus realistisch, wenn auch zugegeben manchmal unbequem ...(*grins*).

Noch einmal: die entwicklungspsychologische Dimension meiner aktuellen Selbstbewegung ist ein grundlegender Aspekt des leibfundierten Lernens.

Ein weiterer Aspekt ist, dass wirklich leiblich zu viel mehr feineren Ausdrucksnuancen in der Lage sind, als zum Beispiel verbal bzw. gedanklich. Sprich wir können in der Regel körperlich viel feinere Unterschiede machen als z.B. im Denken. Emotionen und ihre Differenziertheit werden leichter faßbar und begreifbar.

Im Lernen sprich man vom Prinzip der operativen Didaktik (Aebli 1966). Ein Physiklehrer, der seinem Schüler die Hebelgesetze erklären möchte, ist gut beraten, wenn er seinen Schülern zunächst ganz praktisch die zu erläuternden Dinge (z.B. anhand einer Wippe, Waage, Hebel, Rolle usw.) auf (am besten erlebte) Bewegungsmuster reduziert und veranschaulicht. Ansonsten bleibt Gelerntes oft nur als eine Art „Dressat“ (nicht verkörpert), das nicht einsichtig auf andere Situationen übertragen werden kann (Ken Wilber sprich in diesem Zusammenhang von der Dimension des Flachlandes).

Überdies können mit leiborientiertem Lernen auch präverbale, neuromuskuläre Muster direkt verändert werden. Diese sind Verhaltensmuster, die in uns zu einer Zeit entstanden, in der wir des Denkens und Sprache noch nicht mächtig waren. Eben unsere grundlegenden Muster, zu denen wir gedanklich und sprachlich keinen oder einen nur sehr eingeschränkten Zugang haben. Die körperorientierten Ansätze sprechen hier auch von der sogenannten emotionalen Anatomie (unser Haltung im doppelten Sinne).

Beratungsarbeit wie Coaching oder Therapie bekommt dann eine besondere Wirkungsdimension (körpersymbolische Interventionen mit dem Ziel die blockierte Selbstbewegung wieder herzustellen). Heisterkamp spricht in dem Zusammenhang auch vom Konzept der therapeutischen Mit-Bewegung, der mitschwingenden Teilhabe des Beraters am Prozess. Er beschreibt, dass leibliche oder leibnahe Berührungen (z.B. ausdrücklicher Augenkontakt) den Berater befähigen, in der Gegenübertragung sensibler und differenzierter mitzuschwingen (Coach oder Therapeut als Resonanzkörper).

Er führt aus, das mit dem Konzept der Selbstbewegung und der stellvertretenden Mit-Bewegung sich die ablaufenden Prozesse genauer und feiner klären und beschreiben lassen. Nach Reich und Lowen entsprechen der psychischen Abwehr die körperlichen Verspannungen. Somit repräsentieren sowohl körperliche wie seelische Sicherungen ein und dieselbe Ganzheit.

Bei Stanley Keleman klingt das so:

Da zu sein bedeutet, mit jemandem zu sein: DaSein ist MitSein. Für uns als Therapeuten heisst dies, mit uns selbst und den Kräften in uns präsent zu sein. Wenn wir leibhaft da zu sein vermögen, ändern wir die Qualität unseres DaSeins. Uns anderen mitzuteilen, unser leibhaftes Sein mit anderen zu teilen, bedeutet: Wir sind da mit ihnen, für sie, wir sind da miteinander. Die therapeutische/bildende Aufgabe besteht in der Fähigkeit, im eigenen Körper zu sein mit den jeweiligen Reaktionen und gleichzeitig für eine andere Person empfänglich zu sein.

Wir empfangen unsere Klienten, wir nehmen sie auf, aber wir verleiben sie uns nicht ein.

Die Fähigkeit, einen anderen Menschen empfangen zu können, unterscheidet sich von Qualitäten wie Verständnis oder Empathie. Der Therapeut nimmt den Klienten auf in seiner Art, somatisch-emotional da zu sein. Wenn ein Klient sich in der Gegenwart einer solchen Stabilität und Lebendigkeit befindet, ist er gehalten. Mit diesem Gehalten-Sein geht ein Gefühl von Innerlichkeit einher, das weder gedanklich, noch symbolisch, noch verbal ist. Von einem anderen Menschen empfangen zu werden, in einem Raum mit ihm zu sein, ihm gegenüber zu sitzen, bringt eine tiefe und sich vertiefende Beziehung mit sich. Diese Qualität von Beziehung berührt beide Menschen. Das heisst auch: Der Therapeut muss für seine eigenen Reaktionen empfänglich sein und gleichzeitig für diejenigen seines Gegenübers. Das ist keine leichte Aufgabe.
Nicht leicht, aber vielleicht ganz einfach ....