Den eigenen Wahrnehmungen (ver)trauen

Von: Kim

Hallo liebes Conzendo Team,

ich bin in meiner jetztigen Beziehung nicht sehr glücklich. Es geht darum, dass ich mich nicht von meinem Freund trennen kann, obwohl er schon sehr viel Mist gebaut hat und ich mich emotional(gefühlsmäßig) schon sehr von ihm entfernt habe. Aber irgendetwas ist dort in mir, sodass ich den Absprung nicht schaffe. Um das Problem genauer zu erklären. Wir sind jetzt bald zwei Jahre zusammen und wohnen seit letzten August auch zusammen. Mein Freund war und ist jemand der hauptsächlich nur Mädels als Freunde hat. Seit ungefähr einem halben Jahr ist dies Sehr extrem geworden. Er hat vorallem zwei sehr gute Freundinnen mit denen er regelmäßig schreibt und mit einer der beiden hat er sich auch schon mehrfach heimlich getroffen. Er steht also nicht zu der Freundschaft. Dann hat er das Wochenende einmal komplett mit den beiden verbracht und sie haben Filme geschaut. Geschlafen hat er bei ihnen auch. Ich saß während dessen alleine zu Hause. Am schlimmsten finde ich, dass er vorallem dem einem Mädel Emails schreibt indem z.B. folgendes vorkommt: "ich könnte mir nichts schöneres vorstellen als mit dir Rad zu fahren.""es würde mich freuen, wenn ich dir mal wieder den Feierabend versüßen könnte." Spreche ich ihn darauf an sagt er mir, dass er nunmal jemand sei, der so schreibt und ich müsse das doch akzeptieren. Das heißt er akzeptiert aber nicht dass mich das verletzt. Letztens sah ich ein Video indem er einer anderen Freundin von einem Mädchen erzählte, dass er am Bahnhof gesehen hätte. Die beiden hätten sich angelächelt und er war so hin und weg von ihr dass er ihr einen Brief schrieb und den an die Tür eines Mädchenklos einer Jugendherberge hing. Das Mädchen antwortet zu spät, dort war er nämlich schon wieder auf dem Heimweg.

Es gibt noch viele weitere Beispiele und wir waren auch schoneinmal an einem Punkt wo wir uns fast getrennt hätten, dann doch aber einen zweiten Versuch gewagt haben. Das Problem ist, ich kann seinen Worten nicht mehr glauben. Wenn er mir sagt, dass er mich lieb hat dann klingt das wie Hohn und Spott in meinen Ohren. Auch möchte ich teilweiße nicht mehr mit ihm kuscheln, oder anders gesagt ich fühle mich nicht mehr so richtig zu ihm hingezogen. Er hat mich einfach zu oft verletzt, hintergangen und belogen.

Obwohl mir mein Verstand sagt, dass ich mich trennen sollte und auch immer die Gedanken habe, wie sage ich es ihm, kann ich es irgendwie nicht. Ich kann ihm noch nichtmal mehr ein Herz schicken, weil es sich falsch anfühlt. Jetzt wo ich hier alleine sitze und er im Nebenraum, möchte ich ehrlich gesagt noch nicht mal dass er zu mir kommt. Es ist sehr komisch alles.
Ich möchte einfach gerne wissen, wie ich heraus finden kann warum ich an dieser Beziehung festhalte. Irgendeinen Grund wird es ja geben. Und wenn ich diesen Grund herausgefunden habe würde es mir wahrscheinlich einfacher fallen. Vielleicht könnt ihr mir da weiter helfen. Ich fühle mich nämlich solangsam wie jemandem, dem die Liebe nur vorgegaugelt wird, und ich falle darauf rein und das will ich nicht.
Ich bin übrigens 21 und es ist mein erster Freund ;)

Liebe Grüße


Jürgen Weist:

Hallo liebe Kim,
ja, erst einmal danke für Ihre Anfrage.
Als Vorbemerkung: Sie schreiben ja selbst, dass Sie noch relativ jung sind und es um erste Erfahrungen geht. Das soll ein Hinweis darauf sein, dass es auch deshalb für Sie anspruchsvoll sein kann, weil Sie in diesem Bereich einfach noch nicht so viele Erfahrungen haben.
Wir gehen in unserer Arbeit davon aus (und diese Idee ist in der Anwendung ziemlich anspruchsvoll), dass es meist einen Zusammenhang zwischen innerer und äußerer Beziehung gibt. Der bekannte Forscher Carl Gustav Jung behauptete nicht umsonst, dass die innere Beziehung sowas wie die Meisterprüfung im Leben sei ...

Zu Ihrer Frage:
1. Die meisten Menschen wollen es im besten Sinne richtig machen. Das ist letztlich nicht machbar. Wir empfehlen, bleiben Sie Ihren Wahrnehmungen treu. Folgen Sie dem, was Ihre persönliche Integrität (den Kontakt zu sich selbst) stärkt. Sie selbst sind die Person, mit der Sie am längsten zusammen bleiben werden. Und vereinfacht gesagt, die eigene (innere) Beziehung entscheidet oft darüber, was mache ich (aktiv) und was lasse ich mit mir machen (passiv)?

2. Sie stellen zurecht die Frage nach dem Festhalten: Ja, da scheint es einen inneren Widerspruch zu geben, den es zu klären gälte! Sie behaupten ja, Sie wüssten, was zu tun sei, andererseits würden Sie aber immer noch „festhalten". Meistens steckt dahinter ein (unbewusstes) Bedürfnis oder eine Angst (vor Einsamkeit usw.), die man/ frau vermeiden möchte. Lösendes könnte auf dieser Ebene liegen: Beispielsweise kann ich Angst vorm Alleinsein haben, dazu ja sagen und mich trotzdem trennen, wenn der Preis für mich insgesamt zu hoch ist.
Also fühlen Sie sich ermutigt, Ihren eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen zu (ver)trauen, sich von Beziehungen zu entbinden, schmerzt ... akzeptieren Sie dies als Teil Ihres Lebens und bauen Sie dann darauf, dass es noch viele Mütter gibt, die auch nette Söhne haben ... Sie sind es wert!

Bitte prüfen Sie unsere Ideen und Impulse dahingehend, was für Sie passt und prüfen Sie sie in der Auswirkung gegen Ihre Alltagswirklichkeit. Denn Sie dürfen ja mit den Auswirkungen – so oder so – gut leben müssen.
Ich wünsche Ihnen alles Gute, möge sich die Situation in der für Sie besten Weise entwickeln ...

Herzlichst
Ihr
Jürgen Weist