Aus dem Gegeneinander ins Miteinander
Von Jürgen Weist
Also, wenn ich das Thema einmal auf den Kopf stelle, so könnte man sich fragen:
„Was wäre, wenn es gar nicht darum geht, Recht zu haben, sich durchzusetzen – sondern darum, wieder miteinander in Beziehung zu kommen?“
Denn im Gegeneinander geschieht etwas Eigenartiges:
Wir beginnen, den anderen nicht mehr als Menschen zu sehen, sondern als Position, als Problem, als jemanden, gegen den wir uns behaupten müssen. Und vielleicht beginnt die Veränderung genau dort, wo wir einen klitzekleinen Abstand schaffen zwischen dem, was geschehen ist, und dem, was wir daraus machen.
Also nicht:
„Der andere ist gegen mich.“
Sondern:
„Ich erlebe gerade etwas, das ich als gegen mich gerichtet wahrnehme.“
Dieser kleine Unterschied kann einen neuen Wahrnehmungs-Raum öffnen. Stelle dir in einer solchen Situation vielleicht drei Fragen:
1. Was ist tatsächlich passiert?
Was kann ich beobachten, ohne es sofort zu bewerten?
2. Was mache ich daraus?
Welche Geschichte erzähle ich mir über den anderen – und über mich?
Beispiele:
„Der will mich nicht verstehen.“
„Die nimmt mich nicht ernst.“
„Dann muss ich mich eben durchsetzen.“
3. Was wäre eine Haltung, die nicht gegen den anderen gerichtet ist… und auch nicht gegen mich selbst?
Vielleicht könnte sie heißen:
„Ich muss nicht deiner Meinung sein, um dich als Menschen zu sehen.“
Denn Miteinander bedeutet nicht, dass wir uns einig sein müssen. Es bedeutet vielleicht vielmehr, dass wir einander nicht aus dem Menschlichen herausnehmen, nur weil wir unterschiedlich denken, fühlen oder handeln. Das tun wir, weil wir vielleicht unterschiedliche prägende Erfahrungen gemacht haben…
Das Ent-Scheidende ist: Ein Gegeneinander entsteht häufig dort, wo wir nur noch unsere eigene Wirklichkeit verteidigen. Miteinander beginnt dort, wo wir bereit werden, auch die Wirklichkeit (die Erfahrung) des Anderen wahrzunehmen – ohne deshalb unsere eigene aufgeben zu müssen…
Die vielleicht stärkste Frage könnte deshalb sein:
„Was würde sich in diesem Moment verändern, wenn ich nicht gewinnen müsste?“
Seufzen ist an dieser Stelle erlaubt…😉.
Vielleicht würde dann plötzlich wieder etwas möglich, das im K(r)ampf verloren gegangen ist: Begegnung – Verstehen – Bewegung.
Und vielleicht ist genau das der Weg aus dem Gegeneinander ins Miteinander: Nicht den anderen besiegen. Nicht mich selbst aufgeben. Sondern einen Raum entstehen lassen, in dem beide wieder Mensch sein dürfen.
Denn Miteinander beginnt vielleicht genau dort, wo wir aufhören, einander verändern zu müssen, und anfangen, einander wirklich zu begegnen.…
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