Die Abwertung umkehren
Von Jürgen Weist
Also, wenn ich das Pferd anders herum aufzäume, also von der Abwertungsseite komme, dann könnte man sich fragen:
„Wenn ich mich selbst abwerte – wem glaube ich da eigentlich?“…
Denn Selbstabwertung wirkt häufig wie eine Wahrheit, ist aber zunächst eine innere Bewertung. Und genau diese Unterscheidung kann etwas Entscheidendes verändern.
Beispiel: Ich bin nicht schlecht. Ich habe gerade den Gedanken, dass ich schlecht bin.
Damit entsteht ein kleiner Abstand zwischen Ich und dem Urteil über mich.
Wenn ich die Perspektive noch tiefer wechseln möchte, könnte ich mich fragen:
„Was wäre, wenn ich mich nicht deshalb achten müsste, weil ich etwas Besonderes leiste – sondern weil ich ein Mensch bin, der gerade versucht, mit seinem Leben zurechtzukommen?“
Selbstabwertung ist oft ein missglückter Versuch, sich selbst zu verbessern.
Stelle dir in der jeweiligen Situation drei Fragen:
1. Was ist tatsächlich passiert?
Beschreibe ausschließlich die beobachtbaren Fakten.
2. Wie interpretiere ich das für mich? In welche Bewertung rutsche ich…? Z.B.:
„Ich bin unfähig.“
„Ich bin zu langsam.“
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
3. Was wäre eine faire, erwachsene Betrachtung?
Zum Beispiel: „Das hat nicht so funktioniert, wie ich es wollte. Ich bin enttäuscht. Und ich kann daraus lernen.“
Der entscheidende Unterschied: Selbstabwertung bewertet die Person. Selbstverantwortung bewertet das Verhalten. Was wäre, wenn du dir erlaubtest, dein Verhalten kritisch zu betrachten, ohne deine Person abzuwerten?
Die vielleicht stärkste Frage überhaupt ist: „Würdest du so mit einem Menschen sprechen, den du liebst?“ Wenn die Antwort nein ist, frage dich: „Warum glaubst du, dass du selbst weniger Menschlichkeit verdienst als dieser Mensch?“ Okay,… das kann sehr unmittelbar sein.
Als Fazit:
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, sich alles schönzureden. Es bedeutet, sich in schwierigen Momenten mit Freundlichkeit, Menschlichkeit und Klarheit zu begegnen. Diese drei Elemente – Selbstfreundlichkeit, das Bewusstsein für die gemeinsame menschliche Erfahrung und achtsames Wahrnehmen – bilden auch bei Kristin Neff den Kern von Self-Compassion.
Du musst nicht lernen, dich großartig zu finden.
Du musst lernen, dich nicht mehr gegen dich selbst zu stellen.
Denn Selbstachtung beginnt vielleicht genau dort, wo der innere Kampf gegen sich selbst aufhört…
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