Umgang mit Ungewissheit
Von einem, der auch nicht mehr weiß als du…
Ungewissheit und Sicherheit… sind, wenn man genau hinschaut, keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Die eine zeigt nach vorn, die andere zurück.
Wer immer Sicherheit will, lebt rückwärtsgewandt. Wer Ungewissheit erträgt, lebt in der Bewegung – nicht bequem, aber echt. Oder anders: In Zeiten, wo Planung zur Fiktion und Vorhersage zum Ratespiel werden, ist das Aushalten von Nichtwissen vielleicht die wichtigste Kompetenz überhaupt, oder?
Der Systemiker Fritz B. Simon spricht davon, dass Gewissheit oft nur eine nachträgliche Erzählung ist – ein Rückspiegel, der uns vorgaukelt, wir hätten den Weg immer schon gekannt. Die Gegenwart aber ist grundsätzlich ungewiss. Wer das nicht aushält, klammert sich an Prognosen, an Autoritäten, an „Man weiß ja, dass…“.
Mein provokativer Impuls: Lerne, nichts zu wissen – aber gut damit umzugehen.
Was meine ich damit?
Ich meine damit zunächst einmal, den Drang aufzugeben, jede Unsicherheit sofort auflösen zu müssen. Die Vorstellung, dass Ungewissheit ein Defizit sei, ist ein kollektive gelebter Irrglaube. In Wirklichkeit ist sie der Rohstoff für echte Entscheidungen. Wer schon vorher weiß, was rauskommt, der trifft keine Wahl mehr – er führt nur aus. Der Umgang mit Ungewissheit beginnt also nicht mit Antworten, sondern mit einer Haltung:
„Ich halte das aus. Ich muss jetzt nicht alles wissen. Ich bin bereit, überrascht zu werden.“
Was bleibt, wenn die Gewissheiten schwinden?
Zum Beispiel die Fähigkeit, sich auf den Prozess einzulassen, statt auf das Ergebnis zu starren. Oder die Kunst, die eigene Angst vor Kontrollverlust zu grüßen, ohne ihr zu folgen. Viele Menschen spüren ja: Der Versuch, alles sicherzumachen, erzeugt mehr Stress als die Ungewissheit selbst. Also vielleicht: Weniger planen, mehr spüren. Weniger wissen wollen, mehr fragen. Weniger festhalten, mehr loslassen.
Und damit ich nicht missverstanden werde:
Das ist keine Aufforderung zur Beliebigkeit oder Gleichgültigkeit.
- Es bedeutet, im Ungewissen trotzdem klar zu handeln – nicht, weil man das Ende kennt, sondern weil man den nächsten Schritt fühlt.
- Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, ohne eine Garantie zu haben.
- Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die man nicht beweisen kann.
Und es ist viel leichter gesagt, als gelebt. Denn wer Ungewissheit zulässt, steht oft allein da – zwischen „Hättest du mal“ und „Weiß ich doch nicht“.
Also als Fazit:
Erlaube dir, nicht zu wissen, was kommt. Du musst keine Antworten auf alles haben. Du musst keine Sicherheit bieten, wo es sie nicht gibt. Alles andere wäre nur eine gut gemeinte Lüge.
Und wie schon jemand wusste: Wer Gewissheit verlangt, wo keine ist, betreibt keine Klugheit – sondern Sehnsucht nach stillstehender Zeit.
Gutes Gelingen im Ungefähren…
Danke, dass du auch das Lesen meiner Ungewissheit wagst.
Herzlichst,
Jürgen