Umgang mit Ambivalenzen
Von einem, der sich darin wagt, vieldeutig zu sein…
Widerspruch und Klarheit sind, wenn man genau hinschaut, keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Die eine zeigt nach außen, die andere nach innen. Wer immer widerspruchsfrei sein will, lebt in einer Scheinwelt. Wer Ambivalenz erträgt, lebt in der Wirklichkeit – nicht rund, aber echt.
Oder anders: In Zeiten, wo jede Haltung sofort auf Folgerichtigkeit geprüft wird, ist das Aushalten von eigenem Widerspruch vielleicht eine der wichtigsten Kompetenzen überhaupt, oder?
Der Kommunikationswissenschaftler Gregory Bateson spricht davon, dass Paradoxien nicht aufgelöst, sondern ausgetragen werden müssen – dass der Widerspruch der Motor jeder echten Veränderung ist. Wer sich dagegen wehrt, landet in starrer Eindeutigkeit oder in lähmender Beliebigkeit. Die Wirklichkeit aber ist grundsätzlich ambivalent – sogar vieldeutig. Wer das nicht aushält, flüchtet ins Lagerdenken von „Entweder-oder“, in „Man muss sich doch entscheiden können“ usw.
Mein provokativer Impuls:
Lerne, dir selbst zu widersprechen – und zwar mit Vergnügen.
Was meine ich damit?
Ich meine damit zunächst einmal, den Drang aufzugeben, jede widersprüchliche Regung sofort glattbügeln zu müssen. Die Vorstellung, dass Ambivalenz ein Mangel an Reife sei, ist ein kollektiv gepflegter Irrglaube. In Wirklichkeit ist sie der Rohstoff für echte Integrität. Wer schon vorher weiß, was er fühlt, der lebt keine eigenen Erfahrungen mehr – er wiederholt ständig nur alte Urteile. Der Umgang mit Widersprüchen beginnt also nicht mit einer Entscheidung für eine Seite, sondern mit einer Haltung:
„Ich halte beides aus. Ich muss jetzt nicht eindeutig sein. Ich bin bereit, mich zu überraschen – letztlich auch von mir selbst.“
Was bleibt uns, wenn die Eindeutigkeiten schwinden?Zum Beispiel die Fähigkeit, eine Frage von mindestens zwei Seiten zu betrachten, ohne sofort eine Antwort zu erzwingen. Oder die Kunst, die eigene Zerrissenheit zu begrüßen, ohne an ihr zu verzweifeln.
Viele Menschen spüren ja: Der Versuch, immer folgerichtig zu sein, erzeugt mehr innere Kämpfe als die Ambivalenz selbst.
Also vielleicht: Weniger recht haben wollen, mehr nachdenkfühlen. Weniger polarisieren, mehr verbinden. Weniger (ent)scheiden, mehr aushalten.
Und damit ich nicht missverstanden werde:
Das ist keine Aufforderung zur Prinzipienlosigkeit oder zur ewigen Unentschlossenheit. Es bedeutet, im Widersprüchlichen trotzdem klar zu handeln – nicht weil man alle Zweifel beseitigt hat, sondern weil man gelernt hat, mit ihnen zu gehen.
Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, ohne vorher die eigene Ambivalenz zu „amputieren“, die ja vielleicht ein ganz besonderer Reifebogen sein könnte.
Es bedeutet, „Ja“ zu etwas zu sagen und gleichzeitig ein leises „Nein“ mitzutragen (oder umgekehrt). Und es ist viel leichter gesagt, als gelebt.
Denn wer Widersprüche zulässt, steht oft allein da – zwischen „Das passt nicht zusammen“ und „Du musst dich endlich festlegen“.
Also als Fazit:
Erlaube dir, dir zu widersprechen. Du musst keine „runde Person“ sein.
Du musst keine eindeutige Antwort auf jede Frage haben. Alles andere wäre nur eine geglättete Fassade. Und wie schon jemand wusste: Wer widerspruchsfrei leben will, wo Widersprüche die Regel sind, betreibt keine Klugheit – sondern Sehnsucht nach einem Ich, das es nie gegeben hat.
Gutes Gelingen im Widersprüchlichen…
Danke, dass du auch das Lesen meiner Ambivalenzen wagst.
Herzlichst,
Jürgen