Den Esel von rückwärts aufgezäumt – zweierlei Unstimmigkeiten?

Bestimmt habe ich schon mehrfach von einer Vorgehensweise berichtet, die ich vom Verfasser und Begründer der „Initiatischen Therapie“ Karlfried Graf Dürckheim übernommen habe. Im Hinblick auf Entwicklung empfiehlt er zu Beginn eines Weges, nicht das Gewünschte gleich direkt anzustreben, sondern bewusst wahrzunehmen, wo man das Gewünschte vermeidet und damit erst einmal aufzuhören.

Will sagen, wenn es um Stimmigkeit geht, kann man sich gut zunächst mit Unstimmigkeit beschäftigen…
Da gibt es zwei „Sichtfenster“. Das eine wäre, inwieweit stimmen Äußeres und Inneres überein und das Zweite wäre die Frage, inwieweit ist das, was ich tue, sinnhaft, zusammenhängend? Die Fachbegriffe für Teil 1 ist Kongruenz und der für Teil 2 Kohärenz.

Vor kurzem habe ich mich mit der sogenannten Dekohärenz beschäftigt.
Die Frage dahinter:
Inwieweit legen mich die Bedingungen, unter denen ich lebe, bereits fest? Diesen Impuls habe ich aus der Quantenphysik entliehen. Dekohärenz dort: Beschreibt den Verlust der Quanteneigenschaften (also der Spielregeln in der mikroskopischen Quantenwelt) durch die Interaktion mit der makroskopischen Umgebung (der grobstofflichen Welt, wie wir sie kennen), wodurch ein Quantensystem zu einem System wird, in dem dann die Gesetze der klassischen Physik gelten.

Übertrage ich das (als Metapher) in meinen Alltag, dann achte ich mehr und mehr darauf, wie mich die Konventionen und Bedingungen bestimmen, meinen gestaltbaren Spielraum einschränken. Oder anders formuliert:
Wie groß ist eigentlich dein (existentieller) Spielraum in deinem Alltag?

Letztlich ist es die Frage: Wie selbst– oder fremdbestimmt lebt ein Mensch? Wie bewusst? Findet man den Ausgleich zwischen inneren und äußeren Anforderungen und/ oder Tendenzen? Wie sehr legen mich äußere Bedingungen (von vornherein) fest und nehmen mir letztlich Freiheit und Spielräume?

Das hat natürlich erhebliche Auswirkungen. Die mögliche Konsequenz „menschlicher Dekohärenz“ ist oft der Zustand, den Menschen als Burnout, Sinnkrise oder das Gefühl beschreiben, „nur noch zu funktionieren“ oder „fremdbestimmt zu sein“. Die innere narrative Kohärenz – der Zusammenhang der Geschichte, die man sich über das eigene Leben erzählt – bricht ein bzw. zusammen. 

Man handelt, aber die Handlungen stehen nicht mehr in einer sinnhaften Beziehung zueinander. Sie überlagern sich nicht mehr konstruktiv, um ein größeres sinnhaft erlebtes Ganzes zu bilden. Die Frage nach Kohärenz und Dekohärenz im eigenen Leben ist eine der existenziell wichtigsten, die man sich stellen kann.

Vorab angemerkt:
Selbstreflexion, Meditation, Rückzug aus dem Lärm/ der Geschäftigkeit der Welt und die bewusste Pflege der eigenen Werte und Ziele sind die Prozesse, mit denen man die eigene Kohärenz wiederherstellen kann. Man beginnt wieder, das eigene Flussbett zu graben, anstatt sich vom Sand und Geröll der alltäglichen Umgebung formen zu lassen.

Gleichzeitig, als gutgemeinte Warnung: Nie, bitte nie die Macht und Kraft des in einem Kontext, einer Situation vorherrschenden Resonanzmodus unterschätzen!!! Nimm´ wahr, wie unterschiedliche Situationen auf dich wirken…

Danke für das Lesen meiner Worte. Ich empfehle dir ein entspanntes und „fühliges Nachklingen-lassen“…

Herzlichst
Dein
Jürgen Weist