Von der Sehnsucht nach „Mehr“

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Im Blickpunkt: Von der Sehnsucht nach „Mehr"

von Jürgen Weist

Das Wort Sehnsucht wird umschrieben als heftiges, manchmal schmerzhaftes Verlangen nach etwas Bestimmtem, einem bestimmten Zustand, einer Person usw. Da liegt der Begriff Leidenschaft doch in ganz wortwörtlicher Nähe, oder? Ich möchte behaupten, auch Leidenschaft hat wie die Sehnsucht mindestens zwei Seiten.

Da ist etwas, das möglicherweise Leiden schafft und etwas, das uns andererseits mit Begeisterung und Inspiration erfüllen kann.
Um was geht es (mir) heute? Und für wen?
Ich möchte das Thema Berufung, Bestimmung, Lebens-Potenzial noch einmal aus einer anderen Perspektive beleuchten. Gerade für Menschen, deren Lebensgestaltung und deren Erfolgsbegriff über das reine Geldverdienen hinausgeht oder die sich aufgemacht haben, ihren eigenen Freiraum zu entwickeln. Für die, die keine Lust mehr haben, den normalen Wahnsinn des Alltags in der Durchhalte-Falle zu ertragen, kann die Übereinstimmung mit der inneren Ausrichtung ein tröstender, orientierungsgebender und zugleich kraftspendender Halt sein.

Sehnsucht ist aber auch immer Suche ... heißt es, aber ist das wirklich wahr? Im Sinne des wohlbekannten, unten angeführten Zitates von Antoine de Saint Exupéry möchte ich heute Ihre Sehnsucht nach dem (nach Ihrem) „Mehr" beleben ...
Denn die meisten von uns stecken ja irgendwie im normal gelebten Leben (fest). Wenn der Ruf der Berufung ertönt, sind die Menschen meist eher Helden (mit) wider Willen ... soweit der Mythos der Heldenreise.

Viele Jahre habe ich mich damit befasst - und das spiegeln ja auch viele meiner Texte wider - wie und warum Menschen so ganz oder teilweise „feststecken". Warum viele Menschen mit einer Art verkümmerten „Not-Ich" versuchen, angestrengt und orientierungssuchend ihr Leben Tag für Tag, so gut es eben gerade geht, hinzubekommen. Und das Faszinierende ist: Wenn die Sehnsucht dann einmal zeitweise größer als die Angst ist, so kehren doch viele – nach einem kurzen Ausflug ins Leben – in den Hoch-Sicherheitstrakt ihres normalen Alltags zurück.

Warum das so ist? Es gibt wahrscheinlich so viele Gründe und Dinge wie es Menschen gibt. Ein ganz wesentlicher Grund könnte aber eben auch sein, dass die antreibende Sehnsucht nicht groß oder tragend genug war (siehe dazu auch den Blickpunkt im April). Deshalb möchte ich ja heute auch Ihre Sehnsucht schüren ... ;-)).

Welches bewegende „Mehr" erwartet einen denn, wenn man der eigenen Sehnsucht folgt? Lohnt es sich?

Vorweg die Bemerkung: Die Erfahrung dessen, was ich jetzt gleich als Wissen mit Worten beschreibe, ist natürlich ungleich viel köstlicher als die hohlen, nicht mit Erleben gefüllten Worte. Will damit sagen: Das Lesen allein bringt so gut wie nichts ... oder anders: Ein Kochrezept macht halt nicht satt. Viele vergessen das – immer wieder – und meinen, das richtige Kochrezept müsste doch irgendwie sättigend wirken. Das ist nach meiner Lebenserfahrung grundlegend falsch ... ;-)).

Also nun die besagten Aspekte. Was gewinnen wir, wenn wir unserer Bestimmung folgen? Es geht ums Folgen, nicht ums Erreichen. Es ist bzw. kann nur ein relatives (Beziehungs)Geschäft sein ... also, was könnten die Folgen eines solchen Folgens sein?

  1. Absolute Sicherheit und Vertrauen (Urvertrauen)
  2. Klare Orientierung
  3. Eine unerschütterliche eigene Wahrheit (innere Referenz)
  4. Kraft, Energie und Gesundheit
  5. Tiefe Zugehörigkeit und Eingebettetsein in einen größeren Zusammenhang
  6. Erlebten Sinn, Erfüllung und Zufriedenheit

Der Gedanke, der mir jetzt beim Schreiben kommt ist: Ja, was passiert denn beim Leser/ der Leserin dieser Zeilen, wenn sie meine Punkte 1-6 lesen ... aber dies meist in ihrem Alltag „so" gar nicht gefühlt erleben? Dann genau wären meine Worte, selbst die flammendsten Beschreibungen für die einzelnen Aspekte, ohne wirklichen Gehalt ... nur Worte, leere Hülsen ohne (Er)Füllung, nur trockenes, mentales Wissen ... nach Sekunden verblichen vor dem Hintergrund neuer Eindrücke.

Und doch ... ich mag die Hoffnung einfach nicht aufgeben, dass die meisten von uns eine Ahnung haben, sich vage erinnern können wie befriedigend sich sinnvolles Tun anfühlt, wie tiefe innere Ruhe schmeckt und wie nährend Momente sind, in denen ich intensiv fühle, ich bin ein Teil des Ganzen und alles gehört irgendwie zusammen.

Für die, deren Ahnung zu blass oder Erinnerung zu schwach ist, die Umkehrung der o.a. Punkte oder anders gesagt - so schmeckt das Leiden, das nicht gelebte Sehnsucht schafft. Es handelt sich sozusagen um die Kehrseite, die Zustände, von denen die meisten Menschen eher weg wollen (die vielleicht dunkel gewordene Seite der Sehnsucht):

  1. Angst, Misstrauen bis zur existentiellen Verunsicherung
  2. Herumirren: Nicht wissen, was für einen wann wichtig ist, wohin es geht usw.
  3. Die Abhängigkeit von dauernden äußeren Bezügen, Informationen und Autoritäten
  4. Ohne Antrieb sein, Mattigkeit bis zu Krankheitssymptomen
  5. Vereinsamung mit Leiden an den Widersprüchlichkeiten des Alltags
  6. Innere Leere, Zerrissenheit und innere Spannungen

Autoren, die sich mit ganz frühen Kindheitszeiten beschäftigen (z.B. Monika Renz) behaupten, wir alle haben eine Ahnung um das „bekömmliche Drinsein" im Leben... haben es vielleicht nur vergessen ... können uns er(innern) und so möchte ich in der heutigen Zusammenfassung dazu einladen, dass das scheinbar „Negative" nur eine paradoxe Einladung ist ... eine Einladung, uns auf den Weg zu uns selbst zu machen. Und genau dafür braucht es vielleicht diese Sehnsucht, das Verlangen nach dem „Mehr" ... weil ... wir uns ohne diese Sehnsucht wahrscheinlich nicht auf den Weg machen.
Es braucht etwas, das uns zieht, uns trägt und uns den notwendigen Antrieb verleiht.
Diese evolutionäre Bewegtheit ins Werden wünsche ich Ihnen von Herzen ...

Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen und ergänzenden Hinweise und ggf. auch Widersprüche. Schreiben mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht. Vielen Dank.

Ihr
Jürgen Weist