Anwesend sein … oder wirklich leben

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Im Blickpunkt: Anwesend sein ... oder wirklich leben

von Jürgen Weist

Obgleich ich ahne, dass wir beim Conzendo an und ab ungewöhnliche Themen und Thesen bearbeiten, versuche ich mich heute einmal an einer Thematik, die selbst ich für ungewöhnlich halte. Der Impuls kam mir bei unserer Coachingwoche auf Mallorca, wo mir bei den einzelnen Coaching-Sequenzen der Gedanke kam, dass viele Menschen einfach nicht wirklich und vor allen Dingen nicht ganz da sind. Wenn Sie „anwesend sein" mal googlen, dann werden Sie insbesondere lesen, dass damit gemeint ist, dass Menschen sich an einer Örtlichkeit befinden. Soweit die banale Interpretation ... was aber meine ich damit?

Ich werde einmal stichpunktartig versuchen, über verschiedene Aspekte zu beschreiben, was mich da beschäftigt. Ich beginne mal mit der Negation. Also dem, wie ich „nicht anwesend sein" beschreiben würde:

  1. Jemand ist nicht präsent, eher nach innen versunken, reagiert nicht oder nur wenig auf äußere Impulse.
  2. Jemand lebt innerhalb der gedanklichen Vorstellung von dem, was ist und hat kaum oder wenig Kontakt zu dem, was tatsächlich stattfindet.
  3. Sie sind in Kontakt mit einer Person und egal worüber sie sich austauschen, da ist ganz viel unangemessen viel „nein" ... in verschiedenen Formen.
  4. Ein Häufchen Elend ... sagt der Volksmund, also jemand der nur wenig (freie) Lebensenergie hat.
  5. Da ist nur wenig, auf das sich die Person positiv beziehen kann (reduzierte Beziehungs- oder Begeisterungsfähigkeit).
  6. Wenig Selbstwerterleben – eher sogar massive Abwertung von sich selbst, anderen, dem Leben usw.

Aber ... auch wenn Menschen nur ungern darüber sprechen, ich bin der Meinung: Ich kann nur (bzw. werde) etwas verändern, das ich zuvor (an)erkannt habe ... deshalb kann es Sinn machen, wahrzunehmen wie es (bei mir) ist.

aikido j.sNun wechsele ich die Seite der Münze ... wie würde ich beschreiben, wenn jemand „anwesend" ist?

  1. Im Kontakt zu einer solchen Person spüre ich, äußere Impulse bewegen ihr Inneres und sie ist in der Lage aus dem Inneren den Ausdruck zu finden, der auch etwas im Äußeren bewegt.
  2. Jemand spürt ziemlich gut, was tatsächlich passiert und kann angemessen und flexibel darauf antworten (trägt anders Verantwortung). Siehe dazu den heutigen Denkanstoß.
  3. Dieser Mensch ist offen und selbstreguliert. Er weiß, was für ihn stimmig ist bzw. stimmt und bezieht in selbstbestimmter Weise Position.
  4. Sprühende Lebenskraft: Da ist Leuchten in den Augen, die Bewegungen sind kraftvoll und geschmeidig, man merkt: Den erfüllt was ...
  5. Solche Menschen können „alle Fünfe gerade sein lassen", sind neu-gierig, die Fähigkeit mit unterschiedlichsten Aspekten und Menschen konstruktiv in Beziehungen zu treten hat wachsende Tendenz...
  6. Diese Menschen wissen um ihr persönliches Besonderes, brauchen wenig oder keine Statussymbole und hinterlassen eine segensreiche Spur: Wenn man ihnen begegnet, fühlt man sich besser ... irgendwie stärken sie einen und man ist gern in ihrem Umfeld.
  7. Der Autor der heutigen Buchempfehlung Kenjiro Yoshigasaki nennt den Zustand nahe der maximalen Anwesenheit „Absolute Wahrnehmung".

So, wenn Sie jetzt erwarten, dass ich konkrete Hinweise darauf liefere, wie man „anwesender" wird, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Allerdings ... eine Meta-Idee hätte ich in petto. Ich erfahre mit/ von meinen Klienten immer wieder, dass fast alle Menschen eine Art Wissen davon haben, wie es geht, was hilft, womit man aufhören müsste usw. Ich höre mich oft sagen, eigentlich musste ich Dich doch nur daran erinnern, was Du sowieso schon wusstest. Wenn Sie das einmal als Fokus benutzen, welche Ideen kommen Ihnen dann für Ihren Alltag? Vielleicht kennen Sie ja auch schon Menschen, die ganz oder in Teilaspekten anwesend leben? Was könnten Sie von diesen lernen bzw. übernehmen?

Was aber oft am Anfang steht, ist, sich zu entscheiden. Man übt immer, die Frage ist nur was und die Energie (zumindest fürs Üben) ist die Gleiche. Also gutes Investieren...

Können Sie mit dem Thema was (Gutes) anfangen? Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen, Fragen, Hinweise und ggf. auch Entgegnungen. Frageformen sind mir dabei am liebsten... Schreiben Sie mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich gern auf Ihre Nachricht. Vielen Dank.

Ihr
Jürgen Weist