Mitten im Leben …

info

Im Blickpunkt: Mitten im Leben ...

von Jürgen Weist

Ich habe in der letzten Zeit ein Seminar zum Thema Resilienz vorbereitet und deshalb intensiv mit begleitenden Informationen zum Thema beschäftigt. Unter anderem habe ich mir diverse Vorträge von Fachleuten angehört. Die Beiträge strotzen nur so vor Empfehlungen.

Die eigene Mitte finden, soziale Evolution vorantreiben, sein Gleichgewicht bewahren usw. und so fort. Nein, ganz ehrlich, inhaltlich war alles gut und passend ...mir fiel nur auf, dass die meisten der Vortragenden auch emotionale Botschaften von ihrem Skript ablasen ... Rilke-Gedichte verblassten so, bevor sie aufleuchteten und mich als Zuhörer erreichen konnten ...

Das ist eigentlich nur die Vorgeschichte ... und diese Geschichte erinnerte mich an eine Idee aus dem Zen. Oder wo auch immer her. Ich fange mal an, meine Idee zu skizzieren, okay?

Stellen Sie sich vor, Sie kommen in ein Land, dessen Sprache Sie nicht sprechen und ein treuer Begleiter würde an alle Dinge kleine Klebzettel mit dem Namen der Dinge heften.
Wäre das hilfreich ...?
Zum Erlernen der Sprache schon, oder? Dann kommt jetzt mein „Aber“ ... manchmal vergessen wir, dass die Bezeichnung nicht das Ding an sich ist. Das Wort Essen macht nicht satt und auf das Wort Stuhl können Sie sich nicht setzen ...
Worte sind Zeichen, die wir den Dingen gegeben haben, um uns zu orientieren und über die Welt auszutauschen. Wir können dann ü b e r die Wirklichkeit reden, in dem wir diese Zeichen benutzen. Das ist, als würden wir mit ein wenig Abstand da draußen etwas bezeichnen (Etiketten anhängen). Wir schaffen zur ersten Wirklichkeit (das, was tatsächlich passiert) eine zweite Wirklichkeit (das, wie wir das, was passiert, bezeichnen). Wenn wir dann die Wirklichkeiten verwechseln, nennt man das Identifikation. Wir glauben dann den Etiketten (Interpretationen) mehr, als dem, was wirklich ist.

Worte, Sprache, Etiketten und wortgeformte Gedanken ... derselbe Stoff und wir denken so durchschnittlich 40.000-60.000 Gedanken am Tag. Habe ich jedenfalls gehört. Was bedeutet das? Sprache und die Denkfähigkeit sind absolut tolle Sachen. Ich plädiere nur dafür, das Eine mit dem Anderen nicht zu verwechseln und sich dessen bewusst zu sein oder zu werden. Also die heutige Coaching-Frage: Wie oft sind Sie am Tag direkt mit der Wirklichkeit in Kontakt? Mitten im Leben ...? Das wäre sowas wie:

  1. Fühlen Sie, was (gerade) ist. Lassen Sie sich von dem, was ist, was passiert, meinetwegen auch Worte, Emotionen usw. berühren, schwingen und fühlen mit?
  2. Wie groß ist der Anteil körperlicher Berührung in Ihrem Alltag? Spüren Sie den Boden unter den Füssen oder den Stuhl auf dem Sie sitzen? Erleben Sie Ihr Gehen? Wie steht es um Ihre Bewegungsfreude? Sind Sie, banal gefragt, in Ihrem Körper drin? So richtig?
  3. Sind Sie (oder wie sehr) in Ihrem Tun wahrnehmend anwesend? Schmecken Sie Ihr Essen, die Konsistenz des getrunkenen Weines, das Wasser in Ihrem Mund? Die Luft beim Atmen usw.?
  4. Wie steht es um Ihr Feingefühl? Geht es nur doll oder gar nicht? Können Sie nuancieren? Wieviel angemessene Unterschiede können Sie in Ihrem Erleben und Tun (und Ausdruck) machen?
  5. Wie groß ist der Anteil der Wirklichkeiten in Ihrem Alltag? Wann und wie lange sind Sie in der zweiten Realität? Denken über Dinge nach, schauen in Ihr Smartphone, benutzten Sprache, z.B. um Ihre Vorstellungen zu verteidigen? Wie oft verweilen Sie direkt im Sein? Sind einfach nur da? Nehmen wahr, was ist. Spüren was ist, denken vielleicht auch mal weniger oder gar nicht? Nehmen Ihre materielle Primärprozesslichkeit (Ihren Atem, Ihren Herzschlag usw.) wahr? Alles bei vollem Bewusstsein ...

Worauf möchte ich hinaus?

Fühlen (das ist mehr/ anders als Gefühle haben) bringt uns näher an das, was tatsächlich gerade ist. Das reflektive Denken ist gut und wichtig. Wenn wir uns aber damit identifizieren (im Sinne von: Ich bin, was ich denke oder schlimmer: Ich bin nur, wenn ich denke), dann wird es armselig. Kommen Sie (zurück) in den Reichtum des Lebens. Mitten hinein ... es lohnt sich und was noch unglaublich viel wichtiger ist: Das Leben braucht Sie!

Das ist ein ziemlich grundlegendes und bedeutendes Thema. Ich hoffe, ich konnte mich einigermaßen ausdrücken? Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen und ergänzenden Hinweise und ggf. auch Widersprüche. Schreiben Sie mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht.

Ihr
Jürgen Weist