Existenz – Ein Wechselspiel zwischen Stabilität & Veränderung

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Im Blickpunkt: Existenz – Ein Wechselspiel zwischen Stabilität & Veränderung

von Jürgen Weist

Ich möchte heute einmal etwas Einfaches komplex beschreiben: Existenz. Menschliches Leben kann man – vereinfacht – mit einer Körperzelle vergleichen.

Die einzelne Zelle ist durch eine Zellmembran abgegrenzt gegen das umgebende Milieu (z.B. andere Zellen, Gewebe). Um zu existieren, muss sie einerseits ihre Eigenart als abgetrennte Zelle aufrechterhalten, anderseits muss sie für´s Überleben mit dem umgebenden Milieu stoffwechseln. Die Zelle muss also, um stabil zu existieren, sich permanent verändern. Ich bin kein Biologe, aber vielleicht kann man dies „Überlebensgleichgewicht“ nennen.
seiltaenzerSo wie ein Seiltänzer stabil den Zustand „ich bin auf dem Seil“ erhält, indem er mit der Balancierstange ständige minimale Anpassungen im Gleichgewicht vornimmt.

Passt das für Sie annähend als Modell für menschliches Leben? Wenn ja, dann würde dies bedeuten, dass die Fähigkeit, mit der Umwelt zu interagieren, maßgeblich zum Überleben und der Qualität unseres Schicksals beiträgt. Noch einfacher gesagt: Beziehungsfähigkeit kreiert Lebensqualität. Ich gehe noch einen psychologischen Detailschritt weiter. Ein großer Teil unseres Gefühlslebens wäre dann eine Art Rückmeldung darüber, wie gut es mir gelingt, meine Bedürfnisse im Wechselspiel mit meiner Umwelt zu erfüllen oder nicht.

Die Grundaussage dieses Textes ist (leicht paradox): Wir können nur durch ständige Veränderung so bleiben wie wir sind. Eine Zelle, die ihre Membran schließen würde, brächte sich über kurz oder lang selbst um ihre Existenz. Diese veränderungsbasierte Stabilität könnte man auch Lebendigkeit nennen. Was so viel hieße wie: Lebendigkeit dient dem eigenen Überleben, dem Erhalt der eigenen Existenz. Und für diejenigen, die sich gern wohlfühlen: Die Innenseite dieser Lebendigkeit erleben viele als „Freude am Leben“.

Und da ist ein ABER. Ich erlebe es oft, dass Menschen versuchen, ihre Existenz dadurch zu sichern, dass sie Dinge und Aspekte nach ihren Bedürfnissen kontrollieren, und versuchen, sie im Status quo festzustellen und sogar gegen Wechselwirkungen zu schützen. Nur selten gelingt dies so intelligent wie auf Zellebene.

Auch hier gehe ich noch einen Schritt weiter. Der Analytiker Otto Rank stellte die These auf, dass das „Böse“, nennen Sie es gern auch Frustschicht, Widerstand, Über-Ich-Attacke usw. Neuerdings hört man auch, dass das Wort „Wutbürger“ usw. mit dadurch entsteht, dass wir alle mehr oder minder, sogar kollektiv, die oben angeführte Lebendigkeit leugnen. Dabei sind wir wie die Zelle existentiell abhängig von der Umwelt, jedoch im Vergleich zur Zelle frei darin, in welcher Qualität wir uns auf die Welt und andere beziehen.

Worauf ich hinaus möchte: Die Güte, in der wir Beziehungen hinbekommen (oder eben nicht) entscheidet u.a. über den Grad unserer Zufriedenheit, unseres inneren Friedens, inneren Gleichgewichts usw. und im Zweifelsfall eben auch über die Ausprägung von Frust, Bitterkeit und den Grad von Böswilligkeit in uns.

Was halten Sie von dieser These? Wie sind Ihre Erfahrungen zu dem Thema? Welche aktuellen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge bringen Sie damit in Verbindung? Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen und ergänzenden Hinweise und ggf. auch Widersprüche. Schreiben mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht.

Ihr
Jürgen Weist