Ist Überleben wirklich schon alles?

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Im Blickpunkt: Ist Überleben wirklich schon alles?

von Jürgen Weist

In unserer alltäglichen Coachingpraxis werden wir immer wieder mit unterschiedlichsten Problemstellungen „beglückt“. Menschen kommen ins Coaching, um nach Lösungen für ihre Themen und Probleme zu suchen. Doch ... oder besser:

Manchmal liegt die Wurzel des Leidens in den Lebensbedingungen, deren Auswirkungen oder dem Alltag oder wie immer Sie es auch nennen mögen. Wenn man 5 oder 6 Tage 8-10 Stunden oder länger arbeiten geht, am Wochenende das Haus macht, Familie hat, dann ist sowas wie chronische Überforderung nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Wenn Sie mal Medien lesen, dann wird Ihnen auffallen, dass Menschen immer mehr und länger arbeiten dürfen, um den gewohnten Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Der Soziologe Oliver Nachtwey behauptet sogar, dass der kleine Traum meiner Generation mit Haus, Auto, Jahresurlaub und Garten etwas ist, das in Zukunft eher die Ausnahme sein wird ...

Wo driften wir da hin? Und was bedeutet das für Sie persönlich?
Ich will es mal so sagen oder vorsichtig andeuten ... Viele Menschen, die mir begegnen sind chronisch gestresst, nehmen Medikamente oder konsumieren Genussmittel im Übermaß. Oft ist das so normal geworden, dass viele gar kein Gefühl mehr dafür haben, was eigentlich passiert. Diese Menschen machen dann mehr oder minder „zu“. Nicht, weil sie nicht wollen, eher weil sie nicht mehr können. Oder die Grenzen dazwischen werden unscharf. Fange ich dann an, genau davon zu reden, dass Symptome oder psychische Phänomene eigentlich ganz natürliche Reaktionen auf unnatürliche Bedingungen sind, dann – wow- geht aber die Post ab. Ich werde zum Adressat der inneren Spannungen ... darf mir dann anhören, welche Ansprüche alle eigentlich eingelöst werden müssen ... die Hypothek, die Kids auf der Uni, der nächste Urlaub und das Auto war gerade auch mal wieder in der Werkstatt usw.

Alles nachvollziehbar, aber im gelebten Ausmaß eben krank machend. Nur diese Botschaft mag niemand wirklich hören. Sie ist unbeliebt oder besser gesagt ungeliebt (das Thema spielt dabei auch eine gewichtige Rolle). Alle wollen leistungsfähig und erfolgreich sein und verkaufen dafür letztlich Stück für Stück ihre Seele. Wie sagte jemand so treffend: Sind die Menschen jung, benutzen sie ihre Gesundheit, um viel Geld zu verdienen und wenn sie älter werden, benutzen sie das verdiente Geld, um wieder gesund zu werden.

Und nur damit das eindeutig ist: Mir ist vollkommen klar - jeder von uns darf (erst einmal) seine Existenz hinbekommen, muss seinen Lebensunterhalt verdienen. Das ist die Basis ... aber lassen Sie es mich so sagen: Wenn das alles ist, wofür wir leben, dann ist es auf gewisse Weise armselig. Ich habe gerade heute mit einer mir nahestehenden Person gesprochen, die einen Verkehrsunfall hatte. Dieser hätte leicht das Leben kosten können ... aber im Gespräch drehte sich alles um, wie kann ich das rechtlich abwickeln und hoffentlich bin ich bald wieder gesund, um zur Arbeit zu kommen. Wow, dachte ich, der Fokus lag ausschließlich auf „wie bekomme ich das wieder hin“. Alle Hinweise, die darüber hinaus gingen ... waren (für diesen Menschen jedenfalls situativ) am Leben vorbei.

Ich möchte Sie aufrütteln ... Sie massiv an etwas erinnern. Funktionieren und Überleben ist wichtig – aber nicht alles. Es ist relativ wichtig, aber eben nicht absolut. Das Leben ist endlich ... es könnte von tiefer Bedeutung sein und immer mehr werden, dass Sie ein wenig vom Nektar des Lebens naschen ... (und damit ist nichts zum Kaufen, kein Genussurlaub usw. gemeint ...).

Dazu passt vielleicht folgender Gedanke zum Ausklang. Vor kurzem habe ich in Berlin mit meiner Frau auf einem Friedhof das Grab ihrer Oma besucht. Friedhöfe erinnern mich immer total daran, dass Leben eine Episode ist. Irgendwann vorbei ...
Und ein Gedanke, der mich berührte: Wieviel Träume, Versäumtes, Ungesagtes usw. liegt hier begraben? Was soll auf Ihren Grabmal stehen? Wofür haben Sie im Leben gestanden? Erfolg, Geld, Sicherheit ...? Was würde Ihrem Leben echten Wert geben? Was müsste in Goldlettern auf Ihrem Stein stehen, um sie (vorher) zu erfüllen?
Ich weiß, das klingt vielleicht herbe, aber zumindest intellektuell wissen Sie: Ich habe irgendwie Recht.
Machen Sie was draus ... Bewusstheit ist die Tür zur Erfahrung: Lassen Sie mich gern teilhaben ... an Ihren Widersprüchen, Ängsten, Ihrem Nichtkönnen oder was auch immer. Schreiben Sie mir.

Ihr
Jürgen Weist