Nur Polares ist (nicht) Wahres …, oder?

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Im Blickpunkt: Nur Polares ist (nicht) Wahres …, oder?

von Jürgen Weist

Für Kommunikation und persönliche Entwicklung könnte es sinnvoll sein, dass die Grundstruktur der menschlichen Wahrnehmung unterscheidend ist. Wir unterscheiden das Eine vom Anderen, Tische von Bananen, Strümpfe von Buchstaben und lernen so, die Welt zu differenzieren und meinen … zu kennen.
Dazu ein kleiner Ausschnitt aus einem Gespräch...

... zwischen Bernhard Pörksen und dem Kybernetiker Heinz von Förster:

(Zitat Anfang) AM ANFANG WAR DER UNTERSCHIED
PÖRKSEN: Vielleicht machen wir an dieser Stelle einen kleinen thematischen Sprung und beschäftigen uns nicht mehr mit dem Beobachter und anderen Beobachtern, sondern dem Prozess des Beobachtens selbst: Jede Beobachtung, so schreibt George Spencer-Brown in seiner berühmt gewordenen Abhandlung „Laws of Form“, setzt mit einem Akt des Unterscheidens ein. Genauer gesagt: Beobachtungen operieren mit zweiwertigen Unterscheidungen, deren eine Seite jeweils bezeichnet werden kann. Will ich etwas bezeichnen, muss ich mich zunächst für eine Unterscheidung entscheiden. Die Wahl der Unterscheidung bestimmt, was überhaupt gesehen wird. Mit der Differenz von gut und böse kann ich - egal wo ich hinschaue - etwas anderes beobachten als mit der Unterscheidung von reich und arm, schön und hässlich, neu und alt oder krank und gesund. Und so weiter. Beobachten hieße demnach: unterscheiden und bezeichnen.

VON FOERSTER: Korrekt, ja. Bei George Spencer Brown findet sich der Satz: "Draw a distinction and a universe comes into being." Der Akt des Unterscheidens wird von ihm als eine Fundamentaloperation des Denkens begriffen, er erzeugt Wirklichkeiten, die man vermeintlich in einem externen und von der eigenen Person abgelösten Raum vermutet. Ein einfaches Beispiel:

kreisMan zeichnet auf ein Blatt Papier einen Kreis und hat damit zwei Bereiche geschaffen und die Welt dieses Papiers in ein außen und ein innen unterschieden, das sich jetzt näher bezeichnen lässt. Anders gesagt: Bevor irgendetwas, folgt man dem Argument von George Spencer Brown, benannt oder bezeichnet werden kann und man etwa den Raum im Inneren des Kreises näher zu beschreiben vermag, hat man die Welt in zwei Teile separiert: Sie besteht dann aus dem, was man benannt hat - und dem, was in der Benennung nicht auftaucht, dem Rest der Welt. (Zitat Ende)
Den ganzen Gesprächstext finden Sie hier!

Okay …klingt vielleicht auf den ersten Blick etwas abgehoben, oder? Aber auf den „zweiten Blick“?
Der Kollateraleffekt (also, was so ganz nebenbei entsteht) einer solchen #Wahrnehmung ist, dass die Welt in immer (mehr feinere) Objekte zerfällt und … die Ganzheit oder die Erfahrung der Zusammenhänge (#Systemik) mehr und mehr wegfällt. Von der UnterScheidung zur Trennung ist dann nur noch ein kurzer Weg. Wir Menschen nutzen dies, um die Alltagswelt in für uns passende (Funktions)Kategorien einzuTEILEN: Gut/ schlecht, richtig /falsch, plus/minus, aktiv/passiv usw. Wie sagte der Amerikaner Ken Wilber mal sinngemäß: Die Differenzierung (Unterscheidung) sei wunderbar, die Dissoziation (Auftrennung) ein Abgrund. Fragen Sie einmal Menschen nach ihren Problemlösungsstrategien. Sie werden tendenziell Antworten bekommen wie: Man muss die Ursache kennen, den richtigen Hebelpunkt finden oder ein passendes Konzept finden. Das ist nicht falsch und durchaus für einfache (triviale) Zusammenhänge geeignet – aber, mal ehrlich, was ist heute schon (noch) trivial?

Eine Frage, die wir uns folgerichtig für unsere Conzendo-Workshops und Seminare stellen, ist: Wie kann ich bei aller Unterscheidung eine Perspektive der Ganzheit (oder der Zusammenhänge und Wechselwirkungen) bewahren? Oder: Wie kann ich mich im Alltag eindeutig positionieren, ohne andere oder anderes ablehnen und ausschließen zu müssen? Wie übertrage ich ein solches Bewusstsein in wirkungsvolle Kommunikation und Verhalten?

Schaut man in den aktuellen (Medien)Spiegel der Welt, dann scheint polare Wahrnehmung und polares (einseitiges) Handeln an seine/ ihre Grenzen gekommen zu sein. Oder anders gesagt: Wir sind der Meinung, dass die immer schneller und komplexeren werdenden Fragestellungen unserer Zeit – siehe Denkanstoß - ein (mit)wachsendes, sich entwickelndes #Bewusstsein (heraus)fordern.

Dazu braucht es Menschen, die dies (an)erkennen und bereit sind, das Tal der Polaritäten – mit allem für und wider – zu durchwandern und dann zu verlassen …

Herzlichst
Ihr
Jürgen Weist