Welche Rolle spielen Beziehungen im Leben eines Menschen?

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Im Blickpunkt: Welche Rolle spielen Beziehungen im Leben eines Menschen?

von Jürgen Weist

Das durchschnittliche Alltagsleben lässt uns oft nur wenig Zeit, zentrale Elemente unseres Daseins einmal zu durch- bzw. überdenken, ja ganz im Sinne des heutigen Themas sich einmal die Frage zu stellen: Welche Beziehung habe ich eigentlich zum Thema Beziehungen und welche Bedeutungs- oder Reichweite hat dieser Aspekt für mich?

Menschen sind seit Urgedenken soziale Wesen. Wir haben bzw. konnten uns nur deshalb soweit entwickeln, weil wir uns in Gemeinschaften organisiert haben. Platt gesagt, konnten wir das Mammut nur deshalb erlegen und überleben, weil wir anfingen, gemeinschaftlich zu jagen.

Aus dieser Strebung heraus möchte ich die kühne These aufstellen, dass wir auch die Herausforderungen der Zukunft letztlich nur gemeinschaftlich meistern können. Wie immer wir auch Gemeinschaften (neu) definieren. Und dafür braucht es eine Weiterentwicklung der Beziehungsfähigkeit(en). Von großen Themen, wie werden wir zukünftig auf Migrationsströme reagieren bis hin zu: Wie reagiere ich persönlich auf die veränderten Herausforderungen meines zukünftigen Alltags? Immer schnellere Prozesse fordern eine wachsende Anpassungsfähigkeit (Agilität). Stichworte wie Industrie 4.0, eine weiter um sich greifende Digitalisierung werden bisher Gewohntes infrage stellen. Wo bzw. worin finden selbstbewusste Menschen zukünftig Sicherheit, Halt und Orientierung? Wie schaffen wir es, uns an immer komplexere und schnellere Veränderungen anzupassen, ohne uns selbst und den Anschluss zu verlieren? Das sind für uns nicht nur psychologische Fragen …

Dazu drei – hoffentlich anregende – übergeordnete Ideen bzw. Impulse …

  1. Unsere generelle Hypothese ist, dass Menschen in Zukunft immer weniger Stabilität in äußeren Strukturen finden werden. Arbeitsplätze, Beziehungen, ja Strukturen schlechthin werden weniger dauerhafte Substanz haben. Beispiele dafür: Die Zunahmen an Zeitarbeitsverhältnissen, die globale Vernetzung (wenn Amerika und China sich streiten, dann leidet unser Export) und vielleicht politisch der Niedergang der Volksparteien. Also, um selbstwirksam und handlungsfähig zu bleiben, wird es Menschen brauchen, die Sicherheit und Urvertrauen in sich wiederfinden und entfalten und angesichts der umfassenden und vielschichtigen Herausforderungen angemessene Lösungen kreieren.
    Es braucht selbstsichere und fühlende Menschen, die angemessen (re)agieren können.
  2. Andockend an die o.a. These braucht es unserer Meinung nach Menschen, die in „sowohl-als-auch“-Kategorien leben können, statt sich in konfliktreichen „entweder-oder-Schleifen“ zu verschleißen. Ich nehme einmal die heiße Frage der Migration als Bezug: Ob Migration, scheint nicht mehr die Frage zu sein, oder? Aber wie genau gestalten wir dies und wie kann es halbwegs gut gelingen, darin scheiden sich die Geister. Persönlich könnte dies bedeuten: Wächst durch mich und meine Beiträge die Anzahl der Lösungen? Trage ich zu passenden, organischen und angemessenen Lösungen bei? Kann ich zu konstruktiven, das Leben unterstützenden Entwicklungen beitragen? „Merkel raus“ rufen, ist zwar einfach – aber an sich keine ausreichende Lösung für irgendetwas.
    Es braucht Menschen, die nach dem verbindenden Muster suchen und ihm tatsächlich ins Leben verhelfen.
  3. Das dritte Stichwort ist Bewusstsein. Es wird nach unserer Einschätzung zukünftig Menschen brauchen, die in der Lage sind, über die eigene Betroffenheit, den „Ich-Tellerrand“ hinauszuschauen und wirken zu können. Es braucht ein Bewusstsein, das sich authentisch und wahrhaftig ausdrückt, ohne zu verletzen. Ein Bewusstsein, das virtuos mit schwächender und stärkender Kommunikation umgehen kann. Ein Bewusstsein, das sich durch einen ungewöhnlich hohen Grad an entspannter Wachheit auszeichnet. Das in der Lage ist, am Leben (und nicht nur z.B. am Profit) dran zu bleiben und den Wandel vom zwanghaften Müssen zum wollenden Können gestaltet.

Zurück zu den eingangs beschriebenen Beziehungen. Denn Beziehungen sind die (Feedback)Kreisläufe, mit denen wir einerseits die Welt, in der wir leben, als Form hervorbringen und anderseits auch für uns selbst Identität schöpfen. Das ist vielleicht zentral … dieser Kerngedanke, dass die Beziehungen, in denen ich existiere, mich als ihr Produkt in einer Art Quersumme erst hervorbringen. Poetisch formuliert würde dies vielleicht so klingen: Eingebettet in das Netz meiner Beziehungen bringe ich mich selbst hervor. Wie eine Art Stoffwechsel wäre „ich selbst“ nichts Festes, sondern auf lebendige Weise etwas, das organisch wächst und sich entfaltet ... in dem unaufhörlichen Kreislauf von „Stirb und Werde“

Herzlichst
Ihr
Jürgen Weist