Warum macht es Sinn, die eigene Sterblichkeit zu bejahen?

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Im Blickpunkt: Warum macht es Sinn, die eigene Sterblichkeit zu bejahen?

von Jürgen Weist

Als Karl Lagerfeld vor Kurzem starb, dachte ich für mich: Wow, der ist 85 Jahre alt geworden, dann habe ich ja noch weit über zwanzig Jahre. Ein Moment später wurde mir klar, wie verrückt dieser Gedanke doch ist.

Und doch ist dieser „gewahnte Sinn“, dieser Wahnsinn normal. Man denkt z.B. über das eigene Ende als zukünftiges Ereignis nach. An der Stelle möchte ich (mich) daran erinnern: Man stirbt nicht irgendwann in der Zukunft, sondern irgendwann jetzt.

Durchschnittliches Leben ist wie ein Trichter, an dessen oberen Rand wir gesetzt werden. Erst ziehen wir ruhige Bahnen, dann bemerken wir irgendwann unser Dasein im Trichter. Vielleicht fangen wir dann an, uns gegen die Abwärtsbewegung zu stemmen. Tun dies und jenes. Statt uns entspannt und angemessen mit dem natürlichen Verlauf anzufreunden und die Reise – so gut wie möglich – bewusst zu genießen.

endl ich keitWarum sich im Leben mit dem Sterben beschäftigen? Warum könnte das Sinn machen? Warum die eigene Endlichkeit bejahen? Dazu beispielhaft fünf Aspekte/ Stichpunkte:

1. So banal wie plausibel: Weil Sie sterben werden. Jede Form ist vergänglich. Das wissen wir und handeln doch so oft anders. Verschieben gefühlt Wichtiges auf später: Diese „Kann ich ja noch später machen-Haltung“ hat unterschiedliche Gesichter: Morgen, wenn ich aus der Schule bin, die Kinder aus dem Haus sind, ich in Rente bin … dann …. Achtung: Keiner oder besser, die wenigsten von uns kennen Zeitpunkt und Umstände des eigenen Todes. Der Tod als Berater würde vermutlich raten: Mache es einfach jetzt …, vielleicht gibt es kein Später.

2.  Ein wenig zu 1. passend: Natürlich kann das volle Bewusstsein der Sterblichkeit einen auch (vorübergehend) lähmen. Was soll`s, wenn ich sowieso sterben muss… Umgekehrt kann dies aber auch die pralle Aufforderung zur Lebendigkeit sein: Lebe Dein Leben! So intensiv wie Dir möglich! Bring das Einzigartige hervor, was in Dir steckt. Nichtgelebtes Leben, darauf verweisen verschiedene Traditionen, reut …

3.  Sterben (oder Leben) lernen … lädt ein, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist, ohne sie in eine angenehme Richtung zu verbiegen. Quasi die ultimative Übung im Akzeptieren dessen, was ist, weil es ist (im Leben wie im Tod). Bedeutet: Erkenne die (mögliche) Spielregel des Lebens an: Sei so lebendig wie möglich und erkenne an, dass du vollkommen sterblich bist. Sag´ „ja“ zu dieser Tragödie, erkenne deine kreatürlichen Grenzen an. Das „Drama“ lässt sich nicht verhindern. Laufe nicht davon, versuche nichts zu entschärfen. Der Bruch ist unheilbar. Man kann das Spiel nur spielen, nicht gewinnen. So gesehen … wird der Blick frei … für´s Wesentliche.

4.  Was in Richtung Loslassen / Pulsieren …: Erkenne: Das „Ich“, das sich gegenüber Verwandlung und Öffnung dem Unbekannten aufrechterhalten will, ist oft der psychologische Drehpunkt in der Geschichte. Frei(er) wird, wer sterben kann … (im Großen, wie im Kleinen). Zentrales „Problem“ ist der Unwille, die Spielregeln des Lebens (s. Punkt 3) zu akzeptieren.

5.  Das alltägliche Überleben mit seinem „Drumherum“ bekommt seinen angemessenen Raum. „Der Durst nach Überleben in der Zukunft macht dich unfähig, in der Gegenwart zu leben“. (Chuang tzu). Viele Menschen leben als lebende Leichname, monoton, sich in der Trivialität verschwendend. Dämpfen Angst – vor dem Tod und damit auch vor dem Leben – mit Haben, Tun und Ordnung. Überleben wird zum (vorrangigen) Selbstzweck. Es gibt immer noch etwas, das zu tun ist, das Leben scheint uns zu leben. Wer sich nur vorbereitet, ist unvorbereitet …auch da kann uns die Perspektive der Endlichkeit unterstützen.

Fazit: Das Bewusstsein der Endlichkeit kann uns helfen. Helfen, einen klaren (und vielleicht dankbaren) Blick auf unser einzigartiges Leben zu haben. So (ein wenig deutlicher) zu erkennen, was und wofür möchte ich leben? Bis hin zu der Frage: Was möchte das Leben durch mich bewirken?

Herzlichst
Ihr
Jürgen Weist