In Balance oder Im-Balance?

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Im Blickpunkt: In Balance oder Im-Balance?

von Jürgen Weist

Ist es nicht faszinierend? In der deutschen Sprache klingen beide Begriffe phonetisch nahezu gleich. In Balance sein ist so was wie im Gleichgewicht sein und mit dem Begriff Im-Balance wird ein Zustand von Ungleichgewicht, Einseitigkeit und Unausgewogenheit beschrieben.

Es geht mir dabei heute weniger um das Wortspiel als den wesentlichen Unterschied, den diese Zustände für die meisten von uns im Alltag machen. Ich möchte heute die These aufstellen, dass Menschen in jedem Moment so etwas wie Möglichkeiten (Potenzial), Einfluss, Wirkung auf ihr Umfeld/ Umwelt haben. Wie sie dabei ihre Ressourcen oder Möglichkeiten nutzen, hängt meines Erachtens sehr davon ab, ob sie sich in Balance oder in Disbalance befinden. Plakativ gesagt:

Menschen, die in Balance ihre Möglichkeiten nutzen, können für ihre Umwelt ein Segen sein ... und die anderen ein Fluch oder im besten Fall eine ziemliche Belastung. Auf den Punkt gebracht: Menschen, die in ihrer Mitte sind, sind meist völlig anders „unterwegs”, verbreiten eine völlig andere Atmosphäre als die, die außer sich sind ... wir alle kennen das, oder? Manchmal ist das der Unterschied zwischen Himmel und Hölle ... in uns und mit anderen.

Und ... ist es nicht komisch, selbst wenn wir fast alle beide Zustände kennen, erlebe ich viele Menschen so, als käme beides wie zufällige äußere Naturgewalten über sie. Klar wird dann gesagt, es gibt gute und andere Tage. Sind wir „dem” wirklich soooo ausgeliefert? Haben wir darauf wirklich so wenig Einfluss? Oder leisten wir dem ein oder anderen möglicherweise (unbewusst) Vorschub? (Siehe heutige Selbstcoaching-Frage).

Noch einmal ein kurzer Ausflug in die möglichen Auswirkungen: Was würden Sie sagen, was haben QUALitäten (es geht mir dabei um das Übermaß) wie Abwertungen, Kritik, Angst, Kontrolle, Dominanz, Erkrankungen usw. damit zu tun, ob die jeweilige Person außer Balance ist? Sie können es auch umdrehen: Was haben stärkende Kommunikation, Wertschätzung, Zuwendung, Selbstbestimmung, Autonomie, Gesundheit mit innerer Balance zu tun?

Und ich weiß nicht, inwieweit Sie meinen Ausführungen folgen möchten, aber die unbequeme Frage, die dann auftaucht ist, wenn Balance (andere Worte dafür sind: zentriert sein, in der Mitte sein, in Frieden sein usw.) einen solch enormen Einfluss hat, was können wir dann praktisch tun? Können wir überhaupt etwas tun oder müssen wir es nehmen, wie es kommt? Und was zum Himmel hat das mit Bewusstseinsentwicklung zu tun?

Was sind aus unseren (Coaching)Erfahrungen mögliche Ideen, um damit bewusster und angemessener umzugehen:

  1. Ich kann nur ändern, was ich bewusst wahrnehme. Insofern wäre es sinnvoll, Kriterien dafür zu haben, woran ich merke, dass ich in Balance bin oder außer Balance bin. Wie verhalte ich mich dann, wie fühle ich mich, wie verändern diese Zustände meine Wahrnehmung, mein Erleben usw.? Was sind passende Körpermarker/-symptome für das eine und das andere?
  2. Gleichsam wäre es sinnvoll, um die Kontextbedingungen zu wissen, also Erfahrungen zu haben, was bringt mich mehr in den einen oder den anderen Zustand? Dann bekomme ich möglicherweise mehr bewussten Einfluss auf das Ganze und kann innerhalb einer gewissen Marge anfangen, das Schiff meines Lebens zu „steuern”.
  3. Wahrzunehmen, wo stehen Gedankenmuster einer Balancierung im Weg, wo gibt es z.B. Antreiber oder Überzeugungen, die mich immer wieder auf gewohnten Kurs zwingen und mich ziemlich sicher aus dem Kontakt zu mir heraus bringen ...? Wo gehe ich (meist aus Angst) über mich selbst hinweg ... wie ist es dann (wenn das passiert) um mein Selbstwertgefühl bestellt, wie sind dann meine Grundannahmen über mich selbst, Gott und das Leben? Also wo fällt es Ihnen schwer, innezuhalten oder im Fachterminus: Wo fällt Ihnen Selbstregulation schwer? Welches (ungenutzte) Potenzial zeigt sich da?
  4. Ein superpraktisches Feld, auf dem Sie tat-sächlich viel bewegen können, sind Ihre Gewohnheiten. Welche tun Ihnen noch gut? Welche nicht? Was wäre dran, wenn Sie sich wirklich ganz konsequent gut tun würden? Worauf hätten Sie (jetzt) total mal Lust? Was würde einen Lichtstrahl Freude in Ihren Alltag bringen? Das müssen nicht immer große Dinge sein ... Machen Sie hier einen ersten kleinen Schritt. Kleine (und passende) Schritte, die wir jeden Tag tun, bringen uns letztendlich viel weiter, als die Riesensache, die wir uns vornehmen und die dann doch an den Klippen der (gedachten) Konsequenzen scheitert.

Natürlich gibt es noch viel mehr Ansätze, um das alltägliche Potenzial Ihres Lebens auszuschöpfen. Wofür ich heute eindrücklich plädieren möchte ist, dass das Verbundensein mit sich selbst (Balance) eine so überaus große Bedeutung für die Lebensqualität hat, die wir von Moment zu Moment pflücken. Oder anders gesagt, ein Mensch, der sein Bewusstsein an dieser Stelle erweitert, macht das, was Moshe Feldenkrais (der Begründer der Feldenkrais-Methode) ungefähr so umschrieben hat: „Erst wenn ich weiß, was ich tue, kann ich machen, was ich will”.

Ich wäre glücklich, wenn es mir gelungen wäre, Sie ein ganz klein wenig anregend aufzumuntern, vielleicht ja sogar aufzurütteln. Wenn daraus eine superkleine Bewegung entsteht ... Sie gehen mal ein Eis mit sich selbst essen oder lesen mal in einem Café in Muße ein Buch, nehmen sich 20 Minuten zwischen zwei Terminen für einen Spaziergang ... ich befürchte im allerbesten Sinne, Sie werden schon merken, was Sie davon haben ...;-)))

Ich freue mich schon jetzt auf Ihre Meinungen und ergänzenden Hinweise und ggf. auch Widersprüche. Schreiben Sie mir einfach eine Mail. Wenn es mir möglich ist, antworte ich auf Ihre Nachricht. Vielen Dank.

Ihr

Jürgen Weist