Angst vorm Leben

von Jürgen Weist

Ich habe in den letzten Tagen mit einigen Menschen im Zusammenhang mit meinem Körperseminar „Spüre das Leben" gesprochen ... Was für mich faszinierend war, dass eine überaus große Anzahl jetzt plötzlich keine Zeit, Geld oder sonst was mehr hatte ... Angst fressen Seele auf. Warum ich das meine, ja, lassen Sie sich von den Gesprächen erzählen.

Die Gespräche verliefen nach folgendem Grundmuster: Ich würde ja gerne, aber leider geht es jetzt wegen X, Y oder Z nicht mehr. Als ich dann darauf mehr oder weniger nicht einging, sondern eher fragte: „Was war bzw. ist denn die E-Motion, die damals oder jetzt (und zwar gefühlt) einladend war/ ist?" - ja, dann war da erst einmal Stille. Ich habe dann mit den Beteiligten über Dinge gesprochen wie: Leben findet im Körper statt, wenn ich fühle, wie führe ich dann mein Leben, warum es Sinn und Kraft stiftet, wenn mein Geist im Körper ruht, das Leben ein Jetzt und nicht nächste Woche-Phänomen ist und vieles andere mehr ...

Schockiert war ich immer wieder an der Stelle, wo meine Gegenüber irgend bekannte, ich spüre mich kaum oder gar nicht so ... Wahnsinn, oder? Vielleicht ist es ja nur die Eitelkeit eines Einäugigen in Sachen Sehen bezüglich der Blinden ... und immer wieder stellte ich dann die Frage: Wenn du nicht in Deinem Körper lebst, wo dann? Wie gut fühlst du dich ...?

Okay ... möglicherweise sind ja nicht alle an einem Bewusstheitsgrad interessiert, der das Leben eben spürt - immer weiter, tiefer ... aber selbst banale Auswirkungen wie eine tiefe innere Ruhe, zu spüren, was ist mir wichtig, was nicht und zu fühlen, was ich sage usw. sind so viel Wohlstand, dass es sich meiner Meinung nach lohnt ... sich selbst Stück für Stück zu nähern ...

Wege dahin gibt es jede Menge. Yoga, Tai Chi, Tanz - alle yin-orientierten, körperbezogenen Dinge. Je langsamer und bewusster vorgegangen wird - desto besser ... und natürlich könnten Sie auch Ihr ganz normales Tun zu einer Meditation machen. Schließen Sie bewusst (fühlend) die Tür, wenn Sie essen, dann essen Sie, sagen Sie nur, was Sie wirklich spüren ...

Profitipp: Denken Sie mal, was Sie tun und tun Sie mal nicht, was Sie denken ...

Ein paar Worte (aus Fernando Pessoa „Buch der Unruhe" S. 366): (...) Und was fühlte man? Die Unmöglichkeit, etwas zu fühlen, das Herz gebrochen vom Verstand, verworren die Gefühle, betäubt die erwachte Existenz, geschärft das Gehör, doch das der Seele, um eine endgültige, nutzlose Enthüllung zu begreifen, immerfort im Begriff sich zu zeigen, immerfort, wie die Wahrheit, Zwillingsschwester des sich nie Zeigenden (...)