Flirt zwischen Geist & Körper

oder das Zentaurenbewusstsein

von Jürgen Weist

Sich ins Leben verlieren ...
(ein höchst subjektiver Erfahrungsbericht)

Im Tai Chi hießt es: „ Menschen, die ihre Aufgabe zwischen Himmel und Erde erfüllen, sind selten". Also, wenn das keine Aufforderung zum Entwickeln eines Körper-Geist-Bewusstseins ist, was dann?

Szenenwechsel 1...

Bang Niang, Thailand 2007: Ich sitze am Notebook und dieser Text, den Sie jetzt lesen, entsteht - als materieller Körper. Dreimal war ich den letzten zwölf Monaten in diesem Land.
Beim letzten Abschiednehmen hatte ich (ohne zu wissen warum) Tränen in den Augen und eine mich tief berührende Traurigkeit erfasste mich. Erst jetzt beim dritten Besuch habe ich eine leise Ahnung, was uns an diesem Land so berührt. Meine Metapher ist, dass dieses Land, nahe der Erdmitte im Osten mit seiner Yin-Energie, seiner Vitalität und Wärme uns zutiefst in unserer animalischen Tiefe berührt.
Die Füße spüren den warmen Sand, eine leichte Brise vom Meer erfrischt Körper und Geist, warmer Regen beginnt zu fallen ... und ich verliere mich aus der Traumfabrik meines Denkens in die sensorische Gegenwart - bin für Sekunden das.

Szenenwechsel 2 ...

In einem Buch über Magie, las ich, dass wir nur das wirklich verwandeln können, zu denen wir in Kontakt sind. Bei Stanley Keleman (einem Schüler Wilhelm Reichs) und in der Alexander- Technik findet sich der Hinweis, dass wir uns erst des körperlichen „Wie" gewahr werden dürfen. Erst wenn dieses In-sich-Einfühlen, das bewusst nichts verändern will, geschehen ist, können wir - wenn noch not-wendig - das alte Körper- bzw. Verhaltensmuster hemmen und ggf. ändern. Der Autor Werner Lind beschreibt es in seinem Werk „Budo" als:
„Handeln, ohne Haltung, ist Gewalt". Für mich geht es in den drei Aussagen um etwas Gemeinsames, ein zentrales Etwas. Worauf ich ziele, wird gleich klarer...

Was meinen sie, wieviel Prozent der Bevölkerung würden Sie der Bewusstseinsstufe des Bodymind (Zentaur oder Kentaur: ein Pferdemensch der griechischen Mythologie) zuschreiben? Ein Prozent? Zwei? Nach zehn Jahren Aikido und etlicher psychotherapeutischer Erfahrung als Lernender und Lehrender bin ich gerade seit zwei Jahren dabei, bewusst in mein Becken zu gelangen und erlebe gerade mit Genuss, wie es ist, wenn der Unterleib den Oberkörper wirklich trägt, begegne mir in nichtsprachlichen Emotionen, die tief in der Schatzkammer des Beckens darauf warten vom Prinzen „befreit" zu werden. Märchenhaft ...? Nicht nur, nicht immer.
Mancher Frosch mit einer goldenen Kugel in der Hand ist gleichsam eine Prinzessin - die vorzugsweise als Frosch geküsst werden will. Zentaurenbewusstsein entfalten, heißt sich selbst zu inkorporieren ... mich verlieren und gewinnen - gleichsam wie in der Parabel vom verlorenen Sohn - kehre ich (bewusst) zurück.

"Wieder werden wie die Kinder", nannte Jesus den Weg ins Paradies ...

Der Körper: Wahrhaftiges Dojo (jap. heiliger Trainingsort) meines „tat-sächlichen" Daseins. Szenerie meiner wirklichen materiellen Realität. Bekanntlich lügt er ja nicht und aktuell fröne ich der Überzeugung, dass die Art und Weise, wie wir uns verkörpern (Tonus, Haltung, Atmung usw.), viel damit zu tun, wie sehr wir wirklich im materiellen Leben angekommen sind. Übe mich darin, immer mehr Menschen und Situationen ohne Kontraktion zu begegnen, versuche mich darin, meine teilweise angeborenen und erworbenen Reflexe gegen Präsenz, Offenheit und Entspanntheit einzuwechseln. Ringe damit -manchmal unkonventionell - die Bedürfnisse meines Organismuses direkt und funktional umzusetzen, ohne Ersatzbefriedigungen daraus zu stricken. Also essen, wenn ich Hunger habe. Nicht immer einfaches, stets jedoch erleichterndes Geschäft. So ist eine Überzeugung in mir entstanden, die ernüchternd lautet: wir bekommen nicht was wir wollen, sondern das, wofür wir letztlich wirklich offen sind. Und wo wir schon bei den Zitaten sind.
Ein weiteres, das ich gern nutze, lautet: Wissen ist, wenn es nicht Tor zur Erfahrung wird, nur der Trostpreis im Leben.
Wenn ich heute wissen möchte, wie jemand wirklich (da) ist, dann berühre ich ihn - oft einen Unterschied zwischen dem erlebend, was mein Gegenüber sagt und wie es sich verkörpert.

Szenenwechsel 3

Die Rückkehr aus der Trennung, aus der Dissoziation funktioniert in meiner Erfahrung in einem Fluss zunehmender Differenzierung (z.B. zu Mustern „verklebte Muskeln"), die dann in Integration münden kann. Ob nun auf der Ebene der Muskulatur, der Faszien, Gelenke oder Knochen. Wahre Freiheit - ohne entsprechende Verkörperung - bleibt meist eine leere Begriffshülse. Die Aufforderung lautet: Spüre dich selbst immer mehr - dein Pulsieren, deinen Rhythmus und auch deine Spannungen und Blockaden. In dieser (Eigen)Berührung verschwimmt die Trennung von Subjekt und Objekt abnehmend. Begegne dir selbst, wie der kleine Prinz dem zu zähmenden Fuchs in der Geschichte von Antoine St. Exupery. Wie sagt der Fuchs in dieser Allegorie so treffend: „Man besitzt nur die Dinge, die man zähmt". Sie zähmt, in dem man sich Ihnen bewusst und einfühlsam immer wieder nähert. Je ängstlicher der Fuchs ist, umso so mehr Einfühlsamkeit braucht derjenige, der seine Freundschaft erringen möchte.

Fazit und eine Begründung, warum der (Nicht)Weg sich lohnt. Es erwartet uns eine innere und äußere Verbundenheit, gepaart mit emergenter Schönheit - eben der kraftvolle Zentaur. Wir betreten den Raum unserer wahren Lebendigkeit - und ... erhalten damit (und erst dann - meine ich) eine gültige Eintrittskarte für den Bereich des Transpersonalen.

Enden möchte ich meinen Teil mit einem kleinen Gedicht von Hilde Domin:

"Nicht müde werden -
sondern dem Wunder,
wie einem Vogel, leise die Hand hinhalten."

Conclusio

  • Wir kommen nicht um unseren Körper herum, sondern nur hinein bzw. hindurch. Natürlich können wir jenseits unseres Körpers bleiben oder ihn nur teilweise bewohnen - um den Preis des Lebens.
  • Es geht unserer Ansicht nach darum, dass der Geist in den Körper heimkehrt und beide sich zusammen auf den Weg in Richtung Seele machen.
  • Ein nicht immer einfacher und doch gehenswerter Weg ... Heimkehr.

 

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