Identifikation

Oder womit wir uns identifizieren, das sind wir ...

von Jürgen Weist

Kennen sie eine solche Situation? Sie bitten Menschen, sich (zum Beispiel in einer Seminarrunde) vorzustellen, kurz zu berichten, wer sie sind usw. Was wir dann meist hören, sind Rollen (ich bin x, y oder z von Beruf), so und so alt/jung, komme von da und dort und wünsche mir 1,2 oder 3. In der Regel geht es um Inhalte, die uns wichtig scheinen und über die wir uns quasi definieren.

Etymologisch (also von der Wortquelle her) bedeutet das Wort identisch (von lat. Identias: die (Wesens)einheit) so viel wie ein und dasselbe, völlig gleich.

Der Begriff Identität (von dem lat. Demonstrativpronomen idem) wird übersetzt mit: eben der, ein und dasselbe, vollkommene Überstimmung zweier Dinge oder Personen.

Das klingt doch zunächst einmal überaus interessant, oder? Da ist von zweien die Rede, die sich völlig gleichen ... und was zum Himmel bedeutet das für unseren Lebensalltag? Diesen Fragen möchte ich heute einmal ganz persönlich nachgehen und einmal zwei mögliche Seiten der Identifikation beleuchten.

Wo Identifikation Sinn zu machen scheint:

Wenn wir einem Künstler begegnen, der mit seiner Darbietung eins ist oder im obigen Sinne wesensgleich, dann berührt uns das und macht Eindruck. Oft werden wir mitgerissen und sind begeistert. Ebenso, wenn z.B. ein Verkäufer mit seinem Angebot identifiziert ist, dann begeistert uns ein solches Angebot meist.

Ich denke da gerade einen italienischen Restaurantbesitzer, der uns einmal (anstelle einer Speisekarte) von seinem Essen vorschwärmte - kurzum, es schmeckte wirklich super.

Identifikation in einem solchen Sinne ist: Für etwas stehen, von etwas zutiefst überzeugt sein, etwas tiefem Ausdruck verleihen ... eben etwas, was einem Bedürfnis der meisten Menschen verständlicherweise entspricht.

Die mögliche Kehrseite von Identifikation:

Wie gehe ich mit jemanden oder etwas um, der eine andere Identifikation hat, als die meine? Wenn die Identifikation eine Abgeschlossene ist: Nur das, alles andere ist eher nicht okay. Was dann?

Oder (so ist jedenfalls meine aktuelle Privatphilosophie) was ist, wenn ich an Dingen, Menschen oder Aspekten festhalte, die nicht mehr oder gar nicht mehr zur Wahrheit meiner aktuellen Lebensbewegung passen. Was dann? Was erzielt das Identifizieren mit ... dann für eine Wirkung?

Eine weitere Frage, die mich in Bezug auf das Thema bewegt, ist die: Wann könnte Identifikation sinnvoll sein, wann nicht und wie erkenne ich den Unterschied?

Okay, okay, wieder eine dieser rhetorischen Fragen und natürlich möchte ich Ihnen meine Praxisantwort mitgeben. Andererseits sei schon an dieser Stelle erwähnt, dass ich mich natürlich auf Ihre Antworten, Hinweise und Widersprüche freue ...

Also, ein wesentlicher Unterschied für mich wäre die gefühlte Qualität von: Ist diese Art von Identifikation unterstützend, kräftigend für die aktuelle Situation (z.B. ermöglicht sie Bewegung, erhöht sie die Anzahl der Möglichkeiten, wie gehen die Beteiligten dazu wie in Resonanz usw.) - oder anders gesagt, wenn ich eine Identifikation als schwächend oder blockierend erfahre, dann lädt das dazu ein, sie zumindest situativ infrage zu stellen. Wobei, wenn ich das noch einflechten darf, es auch für mich eine Bedeutung macht, womit, mit welcher Ebene, welchem Wert eine Identifikation vorliegt. Um es plastisch klar zu machen, für mich macht es eben einen Unterschied, ob jemand hundertprozentiger Fan des HSV ist oder ob z.B. jemand seiner wesensgleichen Berufung folgt. Auf der Identifikationsebene vielleicht gleich, würde ich den Identifikationsinhalten einen anderen Rang zumessen.

Die Auswirkungen sind dann auch nach meinen Lebenserfahrungen andere: Fantasieren Sie einmal was passiert, wenn jemand gegen den HSV wettert oder dagegen, seiner Berufung zu folgen. Wie würden sich unsere beiden fiktiven (identifizierten) Helden möglicherweise in ihren Reaktionen unterscheiden? Was denken Sie?

Aber neben einigen Anregungen, möchte ich Ihnen heute zum Abschluss gern auch ein paar erhellende Fragen zum Thema stellen. Ein paar Fragen (und mit dann daraus entstehenden Antworten), die Ihnen dann vielleicht in ihrem Alltag ganz konkret helfen:

Womit identifiziere ich mich? (z.B. bei einer Vorstellung)

  • Welche Rollen, welche Strukturen, welche Verhaltensweisen, welche Gewohnheiten sind für mich (im Moment) typisch?
  • Welche Identifikationen habe ich schlicht gelernt? Welche sind durch meinen Erfahrungsweg entstanden? Welche sind im Sinn des Wortes Teil meines Wesens?
  • Welche erleichtern mir meist das Leben? Welche belasten eher?
  • In welche Situationen sind mir meine Identifikationen (als persönliche Bezugspunkte) relativ klar? Wann nicht?
  • Welche Werte sind so bedeutend für mich, dass ich dafür bereit bin, dafür einzutreten?
  • Was heißt in diesen Fällen „eintreten"? Wie ziehe ich da wie Grenzen?
  • Wo habe ich Ideale und was lebe ich aktuell wirklich (was ist wahr)?
  • Welche Identifikationen verrät mir (und anderen) z.B. meine Sprache, meine Körperhaltung usw.? (Gilt natürlich auch in der Wahrnehmung anderer)
  • Wann unterstützen mich meine Identifikationen und wann schwächen sie?
  • Wie gehe ich mit den Identifikationen anderer um? Nach welchen Kriterien?
  • Wie bewusst bin ich mir meiner (auf die Wirkung achten - den Baum erkennt man u.a. an seinen Früchten) Identifikationen?
  • Wie leicht/ schwer fällt mir mich zu de-identifizieren, innen und außen etwas loszulassen bzw. etwas Altes gegen etwas Neues zu wechseln? Hinweis: Identifikationen sollten so was wie ein zu überprüfendes Frischedatum erhalten.
  • Als letzte eine ziemlich ungewöhnlich Frage: Wenn Sie alle Bezugspunkte weglassen, alle Identifikationen wie Kleidungsstücke für einen Moment beiseite legen, wie wissen Sie wann, ob und wer Sie sind? Was würde übrig bleiben?