Gelassenheit & Geduld

Von: M.

Ich wünsche mir in Bezug auf das, was ich Ihnen hier schreibe mehr Gelassenheit, Geduld und ein gewisses Maß an „ich stehe über den Dingen". Ich möchte einen Weg finden meine Aufmerksamkeit und Konzentration auf das „Wichtige" (auf Lösungen).

Das Erlebte:
Zurzeit (ungefähr seit 8 Monaten) kämpfe ich mit einem für mich sehr komplexen Problem, was mich bis heute sehr viel Kraft gekostet hat. Vor 8 Monaten habe ich einen Mann kennengelernt - schon beim ersten Date wurde mir sehr warm ums Herz und es war ein unglaubliches Vertrauen zwischen uns - wir sind schon beim 2. Date zusammen gekommen - Wir lachen sehr viel und sind beide sehr weich, liebevoll und sensibel - können Tränen lachen und haben seltsamerweise am gleichen Tag Geburtstag. Ich spüre großes Paarpotential zwischen uns.
Es stellte sich schnell heraus, dass er schon seit 2 Jahren unter starken Bauchschmerzen leidet - er hatte das Gefühl es sei psychisch - ich sagte wenn das dein Gefühl ist, dann sollte er dem nachgehen - so ging er 2 Monate in eine geschlossene Klinik, was ich sehr mutig und toll von ihm fand. Er leidet unter einer somatoformen Schmerzstörung, hat permanent starke Bauchschmerzen und viele Ängste (Angst vor Krankheiten, Verlustängste, Panikattacken etc). Er ist ein ganz toller Mensch mit dem ich mir eine Zukunft vorstellen kann und er ist es mir wert diesen Weg mit ihm zu gehen.
Es belastet mich aber zeitweise sehr. Zum einen, ihn leiden zu sehen, aber viel schlimmer ist für mich mit anzusehen, woran es liegt. Oder anders formuliert, ich habe meine Hypothesen gebildet. Als ich nach 6 Wochen seine Mutter kennengelernt habe, wurde mir einiges klar - es war furchtbar wie sie mit ihm teilweise gesprochen hat - sehr dominant, bevormundend wohlgemerkt vor mir bei unserem ersten Date. Zugleich ist sie liebevoll weich zu ihm und liebt ihn abgöttisch - er ist der Liebling und älteste von 3 Söhnen - Er verteidigt seine Mutter reflexartig - niemand darf etwas gegen sie sagen, er ist Beschützer, Partnerersatz, Verteidiger und Geldgeber zugleich - Sie jammert ihm oft vor, wie schlecht es ihr geht (kann die Heizung nicht anmachen, braucht ein neues Badezimmer, Auto kaputt, wird nie wieder einen Mann finden, der Sie liebt hat, sie umarmt). Er hat ihr jetzt sein letztes Geld gegeben (sie leidet nicht am Existenzminimum – hat ein Haus) zugleich hat er jetzt finanzielle Sorgen. Sein Vater war Alkoholiker - Streit wurde auf seinem Rücken ausgetragen - es gab Gewalt in seiner Familie - Seine Mutter hat ihm auch mit einem Kleiderbügel gehauen - er hat gefühlt schon 100 mal gesagt wie toll seine Mutter ist und was sie nicht alles für ihn getan hat. Er hat auch zugegeben, dass er seiner Mutter gegenüber am Anfang unserer Beziehung ein schlechtes Gewissen hatte, dass er jetzt eine Freundin hat. Er war 8 Jahre Single und ist (so glaube ich) überglücklich mich gefunden zu haben. Ich finde es schrecklich dies mit anzusehen und frage mich wie eine Mutter seinem Kind so etwas antun kann – sein eigenes Kind auf so eine Art und Weise benutzen und emotional erpressen kann – aber leider weiß Sie das höchstwahrscheinlich selber nicht.
Wir reden alle manchmal von verzerrter Wahrnehmung, aber so hautnah habe ich das noch nie mitbekommen. Es ist sehr schwer für mich zu ertragen, dass er die Dinge so "runterspielt" und "beschönigt". Teilweise habe ich das Gefühl, dass er mir auch unbewusst signalisiert "sag nichts - ich ertrage das nicht" - so halte ich mich auch zurück.
Ein Verstärker des Problems ist, dass ich mein ganzes Leben bis heute dabei zugeguckt habe, wie meine Mutter sich von ihrer Mutter hat benutzen lassen – auch meine Mutter wurde von ihrer Mutter emotional erpresst – Bis heute hat meine Mutter alles für meine Oma getan, obwohl sie ein richtiger Drachen war und hat sich nie für meine Mutter oder ihre Enkel interessiert. Ich bin wütend auf meine Mutter, dass sie meine Oma heute noch verteidigt und wütend auf meine Oma, dass Sie meine Mutter so schlecht behandelt hat- Dass ich das für mich herausgearbeitet habe (Ein Traum hat mir dieses aufgezeigt), hat mir schon sehr geholfen. Ich habe auch mit meiner Mutter darüber gesprochen.
Wir sind grad auf Therapeutensuche (ein Trauerspiel in Hamburg) - ich unterstütze ihn - ich habe ihm bisher nur ansatzweise gesagt wie ich die Dinge sehe, weil ich 1. nicht die Therapeutenrolle übernehmen möchte und weil er 2. selber an den Punkt kommen muss. Aber er wehrt sich und vertuscht - über seine Mutter redet er in meiner Gegenwart mittlerweile nicht mehr .Ich übe mich in Geduld und Verständnis - ich versuche ihn zu verstehen, zu unterstützen und ihm mit meiner Liebe Kraft zu geben. Ich spüre ein sehr großes "Paarpotential" und ganz viel Liebe zwischen uns.

So hätte ich es gerne/ mein Ziel:
Ich wünsche mir, dass er gesund wird und erkennt, dass er sich ein Stückweit abgrenzen muss und sein Harmoniebedürfnis aufgeben muss.
Mein Ziel ist es konstruktiv damit umzugehen und ich will für mich einen Weg finden, damit gut umzugehen. Ich weiß nicht ob ich ihm meine Gedanken mitteilen soll – ich habe Angst davor ihm zu sagen, dass ich vermute, dass seine Bauchschmerzen an seiner Mutter liegen /seinen Eltern/seiner Kindheit und wenn er die Türen nicht öffnet, er auch nicht gesund wird. Oder ob dies grenzüberschreitend ist - ich abwarten und Geduld haben muss.
Ich erhoffe mir von Ihnen ein paar Gedankenanstöße/Ideen, die ich für mich nutzen kann, um zu vermeiden diesem Schmerz zu sehr an mich ranzulassen. Ich will mich auch abgrenzen, um meine Kräfte und Ressourcen für mich und mein Leben zur Verfügung zu haben.

In meiner Fülle von Gedanken möchte ich folgende präzisere Fragestellung ergänzen, die es ein wenig mehr auf den Punkt bringt:
Was tue ich, wenn ich einen Menschen absolut nicht annehmen kann und will (aber aufrgund familiärer Umstände nicht drum herum komme)? Was kann ich tun, wenn ich einen Widerstand in mir spüre, der sagt "ich will mit diesem Menschen nichts zu tun haben - ich will mich fernhalten und lehne diesen Menschen aufgrund seines Verhaltens ab? Ich ertrage die Nähe nicht...
Vielleicht hört sich das jetzt etwas herzlos an - doch es beschreibt was ich fühle.

Ich schreibe Ihnen, weil ich gerne von innen heraus etwas verändern möchte. Ich danke Ihnen sehr, dass sie sich die Zeit nehmen diese Zeilen zu lesen und freue mich über eine Antwort.


Jürgen Weist:

Liebe M.,

danke für Ihre Anfrage und das damit verbundene Vertrauen. Es liegt auf der Hand, dass ich nur die Perspektive Ihrer Schilderungen habe und damit mit meiner Rückmeldung eigentlich mehr Ihre Beschreibung als die tatsächliche Situation „treffe". Wie mir am liebsten ... werde ich Ihnen die Impulse rückmelden, die mir spontan beim Lesen Ihrer umfangreichen Nachricht gekommen sind.
Ach so, noch als Rückmeldung vorweg: Es war für mich spürbar, dass Sie sehr mit sich gerungen haben ... die Situation möglichst allparteilich und detailliert darzustellen.
Nun die Impulse: Eigentlich ist es ein alter (schon oft verfilmter) Klassiker mit der Frage: Sie oder ich? Frau oder Mutter? Und zumindest in den Filmen „gewinnt" nicht immer die Frau gegen die Mutter ... denn Frauen gibt es viele, die Mutter nur einmal. Sie beschreiben komplexe (familiäre) Wechselwirkungen und die Zuordnung Ihrer hypothetischen Dynamik ist sicher ziemlich nahe am Geschehen. Und doch ... meiner Erfahrung nach ... kann es nicht Ihr Ziel sein, dass ein anderer Mensch sich verändert, oder? Insofern würde ich mit meinen weiteren Ideen eher Ihre Situation/ Ihr Potenzial be- oder anreichern wollen.

Meine Ideen für Sie:
Nichts wollen wollen ... und den Mut (oder genügend Liebe) aufbringen, um einfach dazusein.
Nicht abgrenzen, aber die Nähe/ Distanz wählen, die situativ für Sie passt und ertragbar ist.
Ihren Partner genau da „abholen", wo er im Moment steht ... kein Zug, kein Druck, kein Klugschiss ... allenfalls sachte ganz offene Fragen stellen und ihm das Gefühl vermitteln, er sei von selbst drauf gekommen! Ganz Partnerin s e i n ... teilen, um das Schwere (den Schmerz) zu teilen und das Gute zu verdoppeln.

Noch näher zu Ihnen:
Ihre Grenzen feinsinnig wahrnehmen und achten ...
Auch im Sinn zu haben, dass „es" nicht klappen könnte ... wie weit wollen Sie (mit)gehen? Sich ggf. verändern?
Sich fragen, was zum Himmel, macht den die Mutter für mich so unerträglich? Akzeptieren, dass dies im Moment so ist und gleichzeitig für sich mal hinter die „Projektion/Ablehnung" schauen. Was ist es, das da so verflucht ablehnenswert ist? Was wäre hilfreich, um Mitgefühl zu haben/zu entwickeln? Was ist trotz des unglücklichen Verhaltens bei allen Beteiligten an akzeptablen Bedürfnissen da, die nur verunglückt gestaltet werden?
Beginnen Sie - mehr - in Relationen und Wechselwirkungen zu denken, zu fühlen und zu handeln. Wie würde es dem Sohn gehen, wenn Sie auf der Bedürfnisebene Mitgefühl mit der Mutter hätten? Wie würde es der Mutter gehen, wenn diese wüsste, dass da nach ihrem Tod noch eine Frau für ihren Sohn da ist ...? Wo (auf einer tiefen archaischen Ebene) ähneln Sie (auch wenn Sie dies zutiefst bestreiten würden!!!) der Mutter Ihres Partners? Um welches Ringen geht es da in einem größeren, ggf. zeitlosen Zusammenhang?
Ja, dass ist das, was ich Ihnen ans Herz lege ...und ich wünsche Ihnen den Mut, die Geduld und vor allem die Liebe, die es braucht, um eine solche Situation gelingen zu lassen. Vielleicht ist die Kraft, die Sie mehrfach als großes Paarpotenzial beschrieben haben, dabei ein unterstützender Fokus.

Alles Gute für Sie.

Herzlichst
Jürgen Weist