Schwierige Beziehung

Von: Alex

Sehr geehrter Herr Weist. Danke vorab für das Online-Coachingangebot. Mein Anliegen ist folgendes:

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit spirituellen Weisheiten und habe scheinbar dies auch persönlich stark verinnerlicht. Darauf bin ich schon sehr stolz! Mittlerweile merke ich jedoch, wenn ich im Alltag mein spirituelles Wissen anwende, dass einige Menschen damit nicht klarkommen...vor allem meine Familie -INSBESONDERE MEINE SCHWESTER!- Manchmal fühle ich mich wie ein "Fremdkörper"...-was zu einem Problem fü mich und meine Familie macht!!! Ich möchte mich einerseits immer wohlfühlen und meine Mitmenschen, also auch meine Familie glücklich machen. Was ich allerdings nicht möchte ist, andere Menschen mental unterstützen, wenn ich weiss, dass ihr handeln definitiv nicht korrekt ist. Oder es passt mir nicht, Geschichten von meiner Schwester anzuhören, in denen sie schlecht über andere spricht, ständig über andere rumnörgelt und unzufrieden reagiert, weil es nicht so läuft, wie sie es will. Ich als Gesprächspartner und aktiver Zöhrer empfinde sowas als energieraubend  und weiss, dass solche Gespräche den eigenen Geist vergiften können. Ich habe bereits versucht ihr zu erklären, dass ich nur über positive Dinge mir ihr sprechen möchte und teilweise war ich sogar kritisch ihr gegenüber, weil sie mich nach meiner Meinung fragte und ich nunmal nicht lügen kann -ihr zuliebe-. Langsam habe ich das Gefühl, dass sie das spürt und das (Vertrauens-)Verhältnis ändert sich...Ich möchte ihr eine Stütze sein, wenn sie mich braucht und mich gleichzeitig wohl dabei fühlen. Ich möchte aber nicht Zustimmung für etwas geben, was ich nicht vertrete? Verstehen Sie mich??? Was kann ich tun? Wie kann ich ein guter Zuhörer werden, ohne mir bzw. dem Geschwisterverhältnis zu schaden?

Herzliche Grüße. Alex

Jürgen Weist:

Sehr geehrter Alex,

erst einmal danke für Ihr Vertrauen. Ich habe über Jahre gute Erfahrungen damit gesammelt, dass ich Ihnen einfach mein Feedback anbiete und Sie für sich schauen, was Sinn macht oder machen könnte. Den Rest einfach weglassen. Sie fragen am Ende Ihres Textes, ob ich Sie verstehe. Ich würde sagen, ich kann (auch anhand meiner Erfahrungen ) halbwegs nachvollziehen, wie und worum es Ihnen geht ...

1. Etwas zu Teil seiner Identität machen, ist ein langwieriges und anspruchsvolles (Übungs)Geschäft. Dazu gibt es seit einigen Tagen ein kleines Video "Vielerei Wissen" auf unser Startseite. Oft denken wir, wir seien schon viel weiter ...und dann holt uns die tatsächliche Erfahrung zurück ins Hier und Jetzt: Wenn Sie ein guter Freund wären, dann würde ich Ihnen sagen: Pass auf, dass Deine Spiritualität Dich (mehr und tiefer) ins Leben führt ... damit ist u.a. gemeint, dass es nicht darum geht, dass Probleme usw. weniger werden. Das ist zutiefst menschlich, aber: Ich würde eher sagen, es geht eher darum, dass Ihre Leidensfähigkeit in einem guten Sinne wächst. Ich halte es da mit C.G Jung, der mal sinngemäß gesagt hat, es ginge immer um eine Entwicklung der Beziehungsfähigkeit bzw. Liebesfähigkeit. Kurzum: Ein transpersonales Bewusstsein zu entwickeln ist eher kein Machen ... ab einem bestimmten Punkt sogar eher ein Lassen ...und ich erfahre diesen Weg für mein Ich-Bewusstsein als ziemlich anspruchsvoll!

2. Das was bzw. Sie in der Beziehung zu Ihrer Schwester beschreiben, kann ich nachvollziehen. Emotionalität ist (archaisch) eine überaus starke Kraft. Wenn sie ins "Destruktive" kippt ... dann können Sie in der Regel Ihre ganze Intellektualität "einpacken" und sehr deutlich spüren, was bei Ihnen wirklich geht oder nicht. Und wenn "das", was ist, Ihnen im Moment zu viel ist (bei allem Anspruch) .... dann ist (so würde ich sagen) erst einmal Abgrenzung und Sammlung Ihrerseits angesagt. Der Umgang mit intensiver destruktiver Emotionalität in der realen Situation ist was vom Anspruchsvollsten, das ich kenne (auch nach 20 Jahren Aikido). Es braucht nach (meinen subjektiven) Erfahrungen einen überaus präsenten und klaren Geist, der im Widerspiegeln (und klarem Fühlen), dessen was ist, im Moment die passende "Antwort" schöpft. Es geht um ein Bewusstsein, das Hinter-und Vordergrund wahrnimmt und auf beides reagieren kann. Liebe heißt nicht, immer nur nett zu sein ... Wissen Sie, was ich meinen könnte?
Goldene Regeln und Weisheiten, Ideen über, irgendwelche Ansprüche  usw. sind da - nach meiner Erfahrung - wenig hilfreich ... oft sogar kontraproduktiv. Wie oft habe ich in meinem Leben gesagt: "Ich dachte, ich könnte, wäre usw.  ...". Wie sagte mal ein Klient zu mir: "Alles Bullshit-Bingo" ;-)).

3. Fazit: Was ich Ihnen empfehle, ohne dass ich Sie und Ihre Situation weiter kenne: Setzen Sie sich mit Ihrer eigenen Emotionalität und Archaik (weiter) auseinander. Im Coaching würde ich fragen: Wie gehen Sie selbst mit eigener ""Destruktivität" (und Emotionalität) um usw.? Welchen Aufforderungscharakter hat die ganze Situation für Sie? Welches Potenzial will da bei Ihnen aktiviert und gelebt werden?

Ja, und dann wünsche Ihnen die Kraft und das Verständnis, um über die Situation hinauszuwachsen ...
Alles Gute für Sie.

Herzlichst
Ihr Jürgen Weist